Wenn der PC krank macht
von Anja Schreiber
In die Tasten hauen wie ein Weltmeister,
ständig mit der Maus auf Tuchfühlung... Der Computer
spornt zu Höchstleistungen an - im Arbeitsalltag und zu Hause.
Aber das bleibt nicht für jeden Zeitgenossen ohne Folgen.
Zwei Drittel aller am Bildschirm Beschäftigten klagen über
Rückenprobleme, fast die Hälfte von ihnen über
Nacken- und Kopfschmerzen und 30 bis 40 Prozent über häufige
oder ständige Augenbeschwerden. Auch wenn es in Deutschland
noch keine umfassenden Statistiken über gesundheitliche Probleme
im Hand- und Armbereich gibt, so weisen Untersuchungen auf Beschwerden
bei 20 Prozent der Bildschirmarbeitskräfte hin.
Ich konnte mir keine Tasse Tee mehr einschenken, beschreibt
Doris Müller aus dem hessischen Seeheim-Jugenheim den Höhepunkt
ihrer berufsbedingten Beschwerden. Die Sekretärin und Sachbearbeiterin
litt unter Schmerzen im Mittelhandknochen, unter eingeschlafenen
oder steifen Fingern und schweren Armen.
Zuerst nahm sie ihre Beschwerden nicht ernst und zwang sich, weiter
zu arbeiten. Erst als sie bei einer Untersuchung der Arbeitsgruppe
Klinische Psychologie/Psychotherapie an der Technischen Universität
Darmstadt teilnahm, wurde bei ihr RSI diagnostiziert. Die kryptische
Abkürzung steht für Repetitive Strain Injuries - Verletzungen
durch wiederholte Beanspruchung. Häufige Wiederholungen von
Bewegungen können - so Prof. Dr. Hardo Sorgatz von der Technischen
Universität Darmstadt - minimale Verletzungen im Muskelgewebe
und andere Störungen im Bewegungsapparat auslösen. Er
beruft sich dabei auf Berichte der amerikanischen Wissenschaftakademie.
Das sieht Prof. Dr.med. Gustav Schäcke, Leiter des Institutes
für Arbeitsmedizin an der Frei-en Universität Berlin
anders. In erfahrenen medizinischen Fachkreisen gelte der Begriff
RSI eher als modisch, zumal es sich hierbei nicht um eine sauber
geklärte Diagnose handele.
Bei Berufsgruppen, die in hoher Geschwindigkeit Daten in den Computer
hacken, seien gesundheitliche Schäden nicht auffällig
hoch, so Schäcke. Die gesundheitlichen Probleme bei
der guten alten Schreibmaschine sind wegen des höheren Kraftaufwandes
grösser gewesen. Durch die tägliche Arbeit werde
die Muskulatur vielmehr trainiert. Schäcke verweist auf die
Berufskrankheit Nr. 2101, die bei einer Bildschirmtätigkeit
vorkommen könne. Es handele sich dabei um Erkrankungen der
Sehnenscheiden oder des Sehnengleitgewebes sowie der Sehnen- oder
Muskelansätze, die z.B. 1996 in Deutschland nur insgesamt
39 Mal anerkannt worden seien. Das mache 0,2 Prozent aller 1996
in Deutschland anerkannter Berufskrankheiten aus. Die Gründe
für gesundheitliche Probleme vieler am Bildschirm Beschäftigter
sieht Schäcke z.B. in der starren, monotonen Haltung und
der geringen Bewegung am Arbeitsplatz.
Sorgatz hält dagegen, dass die Muskulatur nur in den ersten
Berufsjahren trainiert werde. Auch der von Schäcke angeführte
Kraftaufwand spiele bei der Entstehung von gesundheitlichen Schäden
von Streckermuskulatur und -sehnen keine Rolle.
So uneinig sich die Experten sind, so eindeutig hat sich die Gesundheit
der 50jährigen Frau Müller verbessert: Heute bin
ich fast beschwerdefrei durch speziell auf mich abgestimmte Lockerungs-
und Dehnungsübungen. Nach der Diagnose hat sie sich
einer individuelle Behandlung mit verschiedenen Bausteinen wie
z.B. verhaltensergonomischen Schulung, muskuläres und sensorisches
Regenerationstraining unterzogen. Inzwischen hat sich ihr Arbeitsalltag
verändert. Sie nimmt vor ihrem Computer keine starre Haltung
mehr ein und hat auch ihre Schreibgeschwindigkeit verlangsamt.
Hardware, Software, Büromöbel, Klima, Arbeitsatmosphäre
und Verhalten am Arbeitsplatz: Eine Fülle von Aspekten wirkt
sich auf die Gesundheit auf. So sollte der Bildschirm z.B. über
eine Bildwiederholungsfrequenz von mehr als 80 Hertz verfügen,
damit er nicht zu stark flimmert, rät Schäcke. Der Abstand
zwischen Bildschirm und Augen sollte 50 bis 60 Zentimeter betragen.
Auch eine geteilte Tastatur hält er für ergonomisch
sinnvoll.
Zwar sei die Einhaltung geräte-ergonomischer Standards unabdingbar,
berichtet Prof. Sorgatz. Allerdings habe das nur einen geringen
präventiven oder heilenden Einfluss. Für die Therapie
und Prävention sei das Verhalten am Bildschirmarbeitsplatz
von entscheidender Bedeutung.
Ein wichtiger Aspekt bei einem solchen Verhalten ist der ergonomisch
sinnvolle Umgang mit der Maus. Fast neun von zehn PCs in der Welt
laufen unter Windows und fast alle Rechnerprozesse können
mit der Maus ausgeführt werden. Ganz besonders attraktiv
sei dies für Autodidakten wie z.B. Kinder. Doch gerade diese
Bewegungsgewohnheiten könnten langfristig zu chronischen
Schmerzzuständen führen. Sorgatz rät, die Eingabelast
möglichst auf beide Hände und viele Finger gleichmäßig
zu verteilen, bevor sich der Zweifingeranschlag als individuelles
motorisches Programm etablieren kann.
Sein Hinweis auf eine mögliche Gesundheitsgefährdung
der Kinder kommt nicht von ungefähr: Die kommenden
Generationen werden schon vor Berufseintritt eine bis zu 15-jährige,
zumeist autodidaktisch erworbene motorische Tätigkeit an
Bildschirmgeräten wie z.B. an PCs, Gameboys oder Tamagotchis
aufweisen. Deshalb müssten präventive Maßnahmen
auf die Vermeidung ungünstiger Haltungs- und Bewegungsmuster
zielen.
Was ist RSI?
RSI steht für Repetitive Strain Injuries,
also Verletzungen durch wiederholte Beanspruchung. Häufige
Wiederholungen von Bewegungen wie das Antippen der Tasten oder
das Anklicken der Maus können minimale Verletzungen im Muskelgewebe
auslösen. Durch die täglichen Arbeitsanforderungen wird
der körpereigene Reparaturprozess im Muskelgewebe gestört,
erklärt Prof. Hardo Sorgatz von der Technischen Universität
Darmstadt. Die mögliche Folge: Verkürzung und Vernarbung
umfangreicher Muskelfaserbündel. Im Verlauf eines langjährigen
Berufslebens kann es zu Schmerzen und Funktionsstörungen
kommen. Gesundheitsprobleme wie z.B. Sehnenscheidenentzündung,
Muskelschmerzen, Bewegungsschmerzen oder Kraftverlust stehen im
Verdacht, durch zig-tausendfache Wiederholung derselben Bewegung
ausgelöst zu werden und sich langfristig zu einem RSI-Syndrom
zu entwickeln. Zu den krankheitsverstärkenden Begleitumständen
gehören z.B. eine starre und ungünstige Sitzhaltung
und unergonomische Verhaltensmuster.
Weitere Informationen zum Thema gibt es unter http://www.rsi-online.de
So tippen Sie richtig
Damit Sie auch morgen noch kraftvoll in
die Tasten greifen können präsentieren wir Ihnen wichtige
Gesundheitstipps auf einen Blick:
Tipps rund um Tastatur und Maus:
- Die Tastatur muss vom Bildschirm getrennt, neigbar und variabel
anzuordnen sein. Vor der Tastatur soll genügend Platz für
das Auflegen der Hände vorhanden sein.
- Eine ergonomische zweigeteilte Tastatur mit leichter Erhöhung
in der Mitte ermöglicht eine natürlich entspannte Hand-
und Armhaltung.
- Handballenauflagen vor der Tastatur entlasten beim Tippen den
Schulter- und Nackenbereich, Fußstützen die Beinmuskulatur
und den Rücken.
- Eine ergonomisch gestaltete Maus entspricht der Anatomie der
Hand. Sinnvoll sind auch kabellose Mäuse. Dieses Eingabegerät
sollte möglichst körpernah neben der Tastatur liegen.
- Von einer einseitigen Belastung durch übermäßigen
Gebrauch der Maus wird abgeraten.
Tipps rund ums Tippen:
- Das Schreiben mit kalten Händen sollte unbedingt vermieden
werden.
- Konzentration führt häufig zu Verspannungen der Muskulatur.
Deshalb sind Auflockerungsübungen und die Verringerung des
selbstauferlegten Leistungsdrucks sinnvoll.
- Durch Schreiben mit dem Zehn-Finger-System lassen sich Belastungen
reduzieren.
- Sinnvoll ist auch der abwechselnde Gebrauch verschiedener Eingabegeräte
wie Funktionstasten, Maus, Trackball und Spracheingabe.
- Alle Eingabegeräte sollten so platziert werden, dass stärkeres
oder wiederholtes Abknicken der Hand- und Fingergrundgelenke vermieden
wird.
Tipps rund ums Sitzen:
- Die Bürostühle sollten eine dynamischer Rückenlehne
haben.
- Nutzen Sie die Sitzfläche des Stuhles und die Rückenlehne
voll aus.
- Bewegung ist angesagt: Sitzen Sie mal aufrecht und mal zurückgelehnt
oder nach vorn gebeugt. Das Zauberwort heißt "dynamisches
Sitzen".
- Der am Bildschirm Arbeitende sollte aufrecht mit rechtem Winkel
bei Knie und Ellenbogen sitzen.
- Eine stundenlange, starr angespannte Haltung sollte unbedingt
vermieden werden.
- Sinnvoll ist auch das zwischendurch Aufstehen und Herumgehen
oder Arbeiten an einem Stehpult.
- In besonderen Stresssituationen sollten Sie ganz bewusst kurze
Bewegungspausen einlegen und dadurch Anspannungen lockern.
Tipps rund ums Sehen:
- Der Monitor muss so aufgestellt werden, dass sich weder Decken-
oder Fensterlicht noch helle Kleidung in ihm spiegeln können.
- Der Bildschirm steht senkrecht, sein oberer Rand sollte in Augenhöhe
sein, zwischen Bild-schirm und Augen sollte ein Abstand von 50
bis 70 Zentimetern liegen.
- Die Bildwiederholfrequenz sollte mindestens 73 Hertz betragen,
empfehlenswert sind mindestens 85 Hertz, damit die Augen nicht
unter dem flimmernden Bildschirm leiden.
- Für die Arbeit am Bildschirm kann eine spezielle Brille
notwendig werden. Die notwendigen Sehtests nimmt der Betriebsarzt
vor. Falls am Bildschirmarbeitsplatz eine Brille notwendig wird,
übernimmt der Arbeitgeber die Kosten.
Weitere Infos gibt´s unter http://www.sozialnetz-hessen.de/ergo-online
© Anja Schreiber -
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