"Ein später
Abbruch rächt sich"
von Anja Schreiber
"Ich will nicht mehr!" So und ähnlich denken Studis,
die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Studium abzubrechen. Viele
von ihnen suchen bei den Studienberatern der Universitäten
Rat und Hilfe. Eine Anlaufstelle für Abbrecher und solche,
die mit diesem Gedanken spielen, ist Dr. Helga Knigge-Illner,
die als Psychologin bei der Studienberatung der Freien Universität
Berlin arbeitet. Audimax-Mitarbeiterin Anja Schreiber hat sie
nach Gründen für den Studienabbruch, aber auch nach
Bewältigungsstrategien gefragt.
? Wie oft kommen eigentlich Studis mit einem Abbruch-Wunsch
zu Ihnen?
Frau Knigge-Illner: Dass lässt sich schwer sagen.
Neben der Prüfungsangst sind Entscheidungs- und Orientierungsprobleme
der häufigste Grund zur Beratung zu gehen. Meiner Schätzung
nach beschäftigen sich etwa 20 Prozent aller Studierenden
mit Orientierungsproblemen mit der Abbruchfrage.
? Wie alt sind diese Studierende?
Frau Knigge-Illner: Das kann sehr unterschiedlich sein.
Oft sind es so genannte Langzeitstudenten im fortgeschrittenen
Alter - zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig. Manche
sind auch schon über 40 Jahre alt.
? Was sind das für Charaktere, die die "Brocken
hinschmeißen" wollen?
Frau Knigge-Illner: Ganz unterschiedliche. So habe ich
einen Studierenden in der Beratung erlebt, der mit seinem Nebenjob
bereits eine erfolgreiche Karriere in der Computerbranche gestartet
hatte. Als er nun kurz vor der Festeinstellung stand, musste er
sich entscheiden, ob er noch das Examen machen wollte oder das
Studium, das er schon lange nicht mehr verfolgt hatte, auch offiziell
abzubrechen. Unter den Abbrechern gibt es aber auch sagen wir
"Lebenskünstler", die in erster Linie ihren privaten
Interessen nachgehen und das Studieren mehr als Nebentätigkeit
betreiben. Die Uni bildet für all das nur den Lebenshintergrund.
Irgendwann, wenn der "Ernst des Lebens" mahnt, stellen
sie sich dann die Gretchenfrage:"Abbrechen oder weitermachen?"
Andere wiederum strampeln sich ab und wollen trotz vieler gescheiterter
Versuche, die Prüfungen zu schaffen, auf keinen Fall aufgeben.
Sie plagen sich mit Prüfungsängsten, Selbstzweifeln
und Angst vor dem endgültigen Versagen herum.
? Erst an der Hochschule erfahren ja viele Studierende
überhaupt, welche Anforderungen auf sie zukommen. Ist es
da nicht sogar normal, dass einige sich gegen das gewählte
Studienfach entscheiden?
Frau Knigge-Illner: Ja. Viele erkennen an der Uni, dass
sie sich das falsche Studium ausgesucht haben, dass sie eigentlich
in eine ganz andere Richtung gehen wollten oder dass sie mit den
Studienanforderungen wie z.B. dem Selbstgestalten des Studienplans
oder dem wissenschaftliche Arbeiten nicht klarkommen.
? Gibt es noch andere Gründe, ein Studium abzubrechen?
Frau Knigge-Illner: Es ist auch sehr bedenklich, wenn bei
den Studierenden jede Leidenschaft für das eigene Studienfach
fehlt. Ich hatte z.B. einmal eine Studentin der Zahnmedizin, die
gar keine Freude am Fach empfand. Ihr war es egal, welche Note
sie schrieb, über gute Noten konnte sie sich nicht freuen.
Viel lieber hätte sie Kunstgeschichte studiert. Doch sie
fragte sich, ob sie das Risiko eingehen solle, ein Fach mit einem
unsicheren Berufsweg zu studieren und ob sie überhaupt ihren
eigenen Interessen nachgehen dürfte.
? Darf man oder soll man seinen eigenen Interessen
nachgehen? Oder sollte man das Risiko lieber nicht eingehen?
Frau Knigge-Illner: Das Leben ist voller Risiken. Auch
was zu Anfang sicher erscheint, kann sich ganz anders entwickeln.
Ob Studierende allein aufgrund ihrer anders gelagerten Interessen
ein Studium abbrechen sollten, hängt davon ab, wie unglücklich
sie mit ihrem jetzigen Studium sind. Seinen Interessen nachzugehen
ist in jedem Fall sehr befriedigend, führt zu guten Leistungen
und stärkt das Selbstbewusstsein. Letztendlich macht so ein
Studium zufrieden und führt auch zu beruflichem Erfolg.
? Was macht die Entscheidung für die Betroffenen
so schwer?
Frau Knigge-Illner: Viele Studierende erliegen einem Entscheidungsstress.
Sie gehen nicht mehr rational mit der Entscheidung um, ob sie
abbrechen sollen oder nicht. Sie konzentrieren sich so sehr auf
die Entscheidung, dass kein Raum mehr bleibt für das Abwägen
von Bedenken und das Erkunden neuer Möglichkeiten. Stattdessen
entwickelt der einzelne Angst vor der Entscheidung und fixiert
sich auf die Angst, mit dem Abbruch als Versager dazustehen.
? Was sind weitere Gründe, die dem Studierenden
die Entscheidung erschweren?
Frau Knigge-Illner: Neben der Versagensangst gibt es auch
andere Gründe, z.B. die Angst, die Uni und damit einen vertrauten
Ort zu verlassen, zu dem man sich zugehörig fühlt.
? Viele Studis werden auch Angst vor der weiteren
beruflichen Zukunft haben. Wie begegnen Sie als Beraterin dieser
Angst?
Frau Knigge-Illner: Zum einen mit Information. Es gibt
Untersuchungen, die den Berufsweg von Studienabbrechern verfolgt
haben. In der Regel haben diese keine schlechten Chancen auf dem
Arbeitsmarkt, sondern im Gegenteil bestehen gute Möglichkeiten,
in einem anspruchsvollen und einträglichen Job zu landen.
? Was kann der Einzelne tun, um seine Entscheidung
nicht von Ängsten abhängig zu machen, sondern auf einer
rationalen Grundlage zu treffen?
Frau Knigge-Illner: Wichtig ist, endlich etwas zu tun und
nicht im bloßen Denken und Grübeln zu verharren. Sich
nicht weiter damit zufrieden zu geben, nur über den Abbruch
nachzudenken, sondern zu handeln. So ist es sinnvoll, eine psychologische
Beratung aufzusuchen und gemeinsam mit dem Berater seine Bedenken
abzuwägen, aber auch eine Bestandsaufnahme der tatsächlich
vorhandenen Interessen und Fähigkeiten zu machen, um so eine
neue Berufsperspektive zu entwickeln. Ein Gespräch bei den
Beratungsstellen an den Hochschulen ist auch deshalb sinnvoll,
weil die Betroffenen mit einer neutralen Person sprechen können,
vor der sie sich nicht rechtfertigen müssen.
? Gibt es konkrete Handlungsmuster, die dem Studierenden
eine Entscheidung leichter machen?
Frau Knigge-Illner: Eine Möglichkeit, zu einer guten
und fundierten Entscheidung zu kommen, ist ein so genanntes Orientierungssemester
einzulegen. Der Studierende setzt sich ganz bestimmte Ziele, die
er in einem Semester erreichen will, wie z.B. ein Schnupperstudium
in einem anderen Fach, der Besuch eines Examensworkshops oder
das Absolvieren eines Praktikums in einem für ihn interessanten
beruflichen Bereich.
? Warum ist es so wichtig, dass Studierende sich
entscheiden und nicht jahrelang die Entscheidung vor sich herschieben?
Frau Knigge-Illner: Ein später Abbruch rächt
sich. Denn die Misserfolge an der Uni verschaffen einem natürlich
kein gutes Selbstwertgefühl. Je später Studierende abbrechen,
desto höher wird meist auch die Schwelle gegenüber dem
Schritt, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Damit werden neue
Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten. Und mit zunehmenden
Alter werden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht besser.
? Hat sich der Betroffene für einen Studienabbruch
entschlossen, bleibt noch ein Problem: Wie sag ich es meinen Angehörigen,
meinen Eltern? Zu welcher Strategie raten Sie?
Frau Knigge-Illner: Am wichtigsten ist es, zu der eigenen
Entscheidung zu stehen und zu vertreten, warum der Abbruch für
den Betroffenen gut und richtig ist. Für manche ist es zu
gefährlich, sich auf die wohlmeinenden Argumente der Eltern
einzulassen. Macht der Betroffene das, steht er sofort auf unsicherem
Terrain. Denn schließlich könnten die Eltern viele
schlüssige Argumente vorbringen, warum der Studienabschluss
auf jeden Fall günstig ist. Es geht jedoch darum, sich mit
der eigenen Entscheidung zu behaupten.
? Welche Präventionsmöglichkeiten bieten
die Universitäten an?
Frau Knigge-Illner: Alle Veranstaltungen unserer Studienberatung
zielen auf Prävention ab, egal, ob es um Prüfungsängste
oder wissenschaftliches Schreiben geht.
? Reicht das schon als Prävention oder haben
Sie noch darüber hinausgehende Vorstellungen?
Frau Knigge-Illner: Sinnvoll wäre es, darüber
hinaus am Anfang des Studiums eine allgemeine Orientierungsphase
anzubieten. Über fachwissenschaftliche Inhalte hinaus sollten
dann Grundlagen wie Studienorganisation und wissenschaftliches
Arbeiten gelehrt werden.
Tipps für
Studienabbrecher:
- Möglichst frühzeitig die Studienberatung besuchen.
- Gemeinsam mit dem Berater die Probleme, aber auch die Interessen
und Fähigkeiten eruieren.
- Probleme konkret angehen: Wer z.B. Prüfungsängste
hat, kann ein entsprechendes Seminar bei der Studienberatung besuchen.
Wer seit Ewigkeiten keine Hausarbeit mehr geschrieben hat, kann
sich - nach dem Besuch eines Schreibworkshops - noch einmal das
Ziel setzen, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Hausarbeit
zu schreiben.
- In einem Orientierungssemester sollten sich Studierende auch
konkret mit den Alternativen zum jetzigen Studium auseinander
setzen und z.B. in ein anderes Fach hineinschnuppern oder ein
Praktikum in der Wirtschaft absolvieren.
- Am Ende dieser Orientierungsphase sollte ein rationale Entscheidung
stehen.
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