Wenn Angst zum
Problem wird
von Anja Schreiber
Ich halte das nicht
aus! Ich muss hier weg! Das Gefühl der Panik kennt jeder.
Angst ist lebenswichtig. Denn sie hilft, gefährliche Situationen
richtig einzuschätzen und angemessen zu reagieren. Aber was
ist, wenn sie das Leben bestimmt? Wenn sie in Situationen auftaucht,
die völlig ungefährlich sind, z.B im Hörsaal oder
in der Uni-Bibliothek? Wenn Atemnot und Herzbeklemmung dazu kommen?
Dann liegt dem Problem oft eine Angststörung zu Grunde. Laut
Experten gehören Angsterkrankungen zu den häufigsten
psychischen Störungen überhaupt.
Auch unter Studis ist diese Krankheit verbreitet. Hans-Werner
Rückert, Diplompsychologe und Leiter der Zentraleinrichtung
Studienberatung und Psychologische Beratung an der Freien Universität
Berlin, kennt dieses Problemfeld. Er sieht deutliche Unterschiede
zwischen Studenten und im Beruf stehenden Menschen. Studenten
leben in einer verlängerten Adoleszenz. Sie haben keine klare
Rolle, sind noch on the road, berichtet Rückert. Das führe
zu Unsicherheiten und Irritationen, die gleichaltrige Berufstätige
nicht hätten. Dazu kommt, dass Studierende in der Regel -
außer für sich selbst - kaum Verantwortung tragen.
Über lange Zeit hinweg erhalten sie wenig Rückmeldung
für ihre geleistete Arbeit. Offen bleiben Fragen wie: Was
kann ich mir zutrauen? Was kann ich überhaupt? Das Selbstwertgefühl
geht so ein Stück weit verloren. Hier ordnet Rückert
die Entstehung der Angsterkrankung ein: Angststörungen bei
Studierenden sind meistens Identitätsstörungen. Die
Angst vor einer Panikattacke auf dem Weg zur Uni kann beispielsweise
den Konflikt verhüllen, ein Studienfach nicht mehr weiter
studieren zu wollen, ohne sich das Problem einzugestehen..
Auch wenn die soziale Situation von Studenten unsicherer ist als
die von Berufstätigen, so sind bei ihnen psychische Erkrankungen
weit weniger häufig als in der Gesamtgesellschaft. Studierende
leiden mit 13 Prozent nur halb so häufig unter psychischer
Belastung wie die Gesamtbevölkerung (26 Prozent), so eine
Erhebung des Zentralinstitutes für seelische Gesundheit.
Rückert betont, dass ausschlaggebend für eine Angststörung
nicht eine reale Bedrohung sei wie Arbeitslosigkeit, sondern die
schlimmen Bedrohungen aus dem eigenen Inneren kommen.
Häufig bleibt die Angststörung bei Studierenden über
längere Zeit verborgen. Wenn eine Patientin, die in einer
Bank arbeitet, wegen Panikattacken häufiger nicht mehr zur
Arbeit kommt, fällt das schnell auf. Anders verhält
es sich bei einer Studentin, die nicht mehr zu Uni geht. Ob sich
bei seltenem Uni- und Seminarbesuch überhaupt negative Konsequenzen
einstellen und welcher Art diese sind, bleibt für den von
Ängsten Geplagten meist diffus. Aber gerade das verursacht
ein unheimliches Gefühl und macht noch viel ängstlicher,
so Rückert.
Das Charakteristische bei manchen Arten der Angsterkrankung ist,
dass aus einem einzelnen Angstanfall eine dauerhafte Störung
werden kann. Der Betroffene nimmt den Angstanfall als sehr unangenehm
wahr. Deshalb befürchtet er, dass er wieder mit Angst reagiert,
wenn er in eine Situation gerät, die schon einmal bei ihm
eine Panikattacke ausgelöst hat. Die Psychotherapeuten sprechen
deshalb von der Angst vor der Angst. Um ihr zu entgehen verändert
der Erkrankte sein Leben, vermeidet angsterzeugende Situationen.
Es entsteht ein Teufelskreis aus Befürchtung und Vermeidung.
Dabei unterscheidet der Körper nicht mehr, ob es sich um
eine reale Gefahrensituation handelt oder um reine Erwartung.
Neben den relativ bekannten Phobien wie der Agoraphobie, der Platzangst,
der Angst vor Hunden oder Spinnen gibt es auch die so genannte
generalisierte Angststörung. Sie richtet sich nicht gegen
eine klar beschriebene Situation und bedarf keines Auslösers.
In abgemilderter Form haben die Betroffenen den ganzen Tag Symptome
wie andere während einer Panikattacke, wie z.B. Atemnot und
Schlafprobleme.
Rückert warnt davor, Angststörungen auf die leichte
Schulter zu nehmen: Das gibt sich nicht von allein. Deshalb solle
man über eine Therapie nachdenken: Wenn es sich darum handelt,
den Prozeß der Identitätsfindung wieder in Gang zu
bringen und lähmende Konflikte zu überwinden, bieten
sich die tiefenpsychologisch fundierte und die analytische Psychotherapie
an, die auch von den Krankenkassen bezahlt werden.
In den psychoanalytisch begründeten Therapien geht es darum,
die lebensgeschichtliche Entwicklung eines Menschen nachzuvollziehen.
Konfliktbereiche, aber auch die Mischung von Wünschen, Impulsen
und der Abwehr gegen diese, die das Auftreten von Störungen
bedingen, werden analysiert. Beziehungsprobleme werden in der
therapeutischen Beziehung wiederbelebt und für den Patienten
erfahr- und verstehbar gemacht. Ziel ist es, in der Therapie Lösungen
zu finden für bewußte oder bisher unbewußte Konflikte.
Zur Beseitigung von quälenden Symptomen bei Phobien kommt
z.B. eine Verhaltenstherapie in Frage. Der Therapeut konfrontiert
den Patienten bewusst mit angstauslösenden Situationen. Hat
der Patient z.B. Angst öffentlich zu reden, könnte ihn
ein Psychologe veranlassen, einen Vortrag zu halten.
Viele Patienten haben vor der Therapie eine Kette von Arztbesuchen
hinter sich gebracht, berichtet die Diplom-Psychologin Simone
Klipp von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie,
die sich auf eine kostenpflichtige Verhaltenstherapie spezialisiert
hat. Patienten glaubten z.B., sie hätten was Schlimmes wie
einen Hirntumor oder einen Schlaganfall. Manche Ärzte verschreiben
immer noch harte Medikamente, sagt Klipp. Doch Tabletten wie Valium
sollten nicht länger als drei Monate eingenommen werden,
da diese ein erhebliches Suchtpotential haben.
Die häufigsten Angststörungen bei Nachwuchsakademikern
sind soziale Phobien und Präsentationsängste. Sie befürchten
nicht nur beim Sprechen, sondern auch beim Essen Angstsymptome
zu zeigen, so Klipp.
In der Verhaltenstherapie machen sich die Therapeuten einen körperlichen
Reaktionsmechanismus zu nutze: die so genannte Habituation, die
Gewöhnung. Wenn der Körper Angst empfindet, ist das
sehr anstrengend, so dass der Körper diesen Erregungszustand
nicht über Stunden beibehalten kann. Der Erregungspegel muss
zwangsläufig sinken. Ein Mensch, der in einer bestimmten
Situation Angst entwickelt, gewöhnt sich also mit der Zeit
an die Situation. Diesen Effekt nutzen wir aus, berichtet Klipp.
Eine Vorbeugung gegen diese Erkrankung gibt es übrigens nicht:
Man kann gegen das Leben keine Prophylaxe betreiben, sagt Rückert.
Panikattacken
in der Uni
Wie aus heiterem Himmel:
Nach einer stressigen Klausur hat sich Karin, BWL-Studentin, in
die vollbesetzte U-Bahn gezwängt. Zwischen all den Menschen
überkommt sie plötzlich ein seltsames Gefühl. Es
ist nicht das erste Mal, dass sie sich in einer Menschenmenge
unwohl fühlt. Doch heute ist es schlimmer: Ihr wird schwindelig.
Karin befürchtet ohnmächtig zu werden. Ihre Hände
werden feucht, der Rücken ist schweißnass. Sie hält
es in der Bahn nicht mehr aus. Am nächsten U-Bahnhof flieht
sie aus dem Zug.
In der folgenden Zeit erlebt Karin diese Zustände immer öfter.
Und zwar nicht nur in der U-Bahn, sondern auch in Hörsälen
und Seminarräumen. Auch unregelmäßiges Herzklopfen
kommt als neues Symptom hinzu. Als sie zum Arzt geht, stellt der
keine organischen Ursachen fest. Doch das beruhigt die Studentin
nicht: Ihre Anfälle werden immer schlimmer. Deshalb vermeidet
sie Situationen, in denen sie diese Symptome beschleichen könnten.
Sie geht immer seltener in die Uni. Auch Kaufhäuser meidet
sie. Einkäufe lässt sie deshalb mehr und mehr von Freunden
erledigen. Das Studium bleibt zunehmend auf der Strecke. Dass
Gefühl der Hilflosigkeit wird für sie immer belastender.
Immer häufiger überkommt sie Traurigkeit. Sie zieht
sich von ihren Kommilitonen und Freunden zurück. Karin hat
eine Angststörung.
ProfessionelleTherapie
hilft
Der Angst die Stirn
bieten. Wer allein nicht mehr aus dem Teufelskreis der Angst herausfindet,
sollte sich Hilfe suchen. Natürlich ist der Gang zum Hausarzt
wichtig, denn die Therapeuten sind sich einig, dass vor der psychologischen
Behandlung körperliche Ursachen der Angst ausgeschlossen
werden müssen. Doch dann ist die Frage: zu welchem Therapeuten
soll ich gehen? Ein wichtiger Ansprechpartner für Studierende
mit psychischen Problemen wie z.B. Angststörungen sind die
psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke und der Universitäten.
Wenn eine krankhafte Störung vorliegt, werden verschiedene
psychotherapeutische Behandlungsmethoden von den gesetzlichen
Krankenkassen bezahlt, dazu gehören die Verhaltenstherapie,
die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die analytische
Psychotherapie.
- Wenn Du in einer gesetzlichen Krankenkasse Mitglied bist, dann
gelten die "Psychotherapie-Richtlinien", die z.B. genau
regeln, für wieviele Sitzungen die Kasse die Therapiekosten
übernimmt.
- Wenn Du privat versichert bist, hilft nur der Blick in den Versicherungsvertrag
bzw. ein Anruf beim jeweiligen Versicherungsunternehmen.
- Qualität muss sein: Die Qualifikation derjenigen Psychotherapeuten,
die mit den Krankenkassen abrechnen dürfen, ist gesetzlich
festgelegt. Andere sollten zumindestens über die gleiche
Ausbildung verfügen, also ausgebildete Psychologen oder Ärzte
sein. Tipp: Allen seriösen ärztlichen und psychologischen
Psychotherapeuten ist es untersagt für ihre Dienstleistungen
zu werben. Anzeigen in den "Psycho"-Rubriken von Zeitschriften
sind deshalb mit Vorsicht zu genießen.
- Wenn Du ein Vorgespräch mit einem Therapeuten führst,
solltest Du Dich fragen: Gefällt Dir die Person des Behandlers
und die Praxis? Wenn Du meinst, dass die Chemie zwischen Dir und
ihm nicht stimmt, dann suche lieber weiter. Erkundige Dich nach
der Ausbildung des Psychotherapeuten und frage, welche Behandlung
er vorschlägt. Falls Dir die vorgeschlagene Therapie nicht
zusagt, empfiehlt sich ebenfalls ein Weitersuchen.
© Anja Schreiber -
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