Aber morgen ganz sicher

von Anja Schreiber

Das Problem mit dem ewigen Aufschieben. Der Studienberater Hans-Werner Rückert erklärt, wie man es überwindet.
Seit Monaten wird die Hausarbeit nicht fertig. Die Anmeldung zur Magisterprüfung wird immer wieder verschoben. Gute Vorsätze, ein ehrgeizigen Arbeitsplan und trotzdem kein Fortschritt. Die Arbeit vor sich her zu schieben kennt jeder, doch bei manchen gefährdet es ernsthaft das Studium.
Der Leiter der Studienberatung an der Freien Universität Berlin, Hans-Werner Rückert ist diesem Problem auf den Grund gegangen. In seinem bereits in der zweiten Auflage erschienenen Buch „Schluss mit dem ewigen Aufschieben (Campus Verlag 1999, 29,80 Mark) informiert er über die Ursachen des Problems und Methoden, wie man den inneren Schweinehund überlistet.

?: Wird unter Studierenden und in akademischen Kreisen besonders gerne Arbeit aufgeschoben?
Rückert: Ja, denn es gibt an der Uni eine liberale Kultur, was das Einhalten von Deadlines angeht. Man kennt ja diese Berichte, dass jemand in Nachtschicht auf den letzten Drücker seine Arbeit schreibt. Akademiker rühmen sich gerne ihrer schlechten Arbeitsmoral. Die Aufschiebethematik findet sich an allen Ecken und Enden. Langzeitstudierende z.B. haben ihre Leistungsnachweise häufig bereits im zehnten oder zwölften Semester. Sie hängen aber noch ein viersemestriges Prüfungsstudium dran.
?: Jeder hat schon mal irgendetwas aufgeschoben, aber wie unterscheidet sich dieses Verhalten von dem hartnäckigen Problem des Aufschiebens?
Rückert: Keiner hat Lust, die Steuererklärung zu machen. Milde Formen des Aufschiebens sind unschädlich. Anders ist es bei den harten Aufschiebern, wie ich sie nenne. Sie nehmen sich etwas immer wieder vor, aber der Vorsatz bricht jedes Mal zusammen. Das sind belastende Verläufe, die keinen erkennbaren Nutzen haben. Im Gegenteil: Jeden Tag zerbröckelt das Selbstwertgefühl dieser Menschen ein Stück weiter. Sie haben das Gefühl, dass sie sich nicht mehr auf sich selbst verlassen können. ?: Aber warum nehmen Menschen dann überhaupt Zuflucht zu dieser Arbeitsverhinderungsmethode?
Rückert: Aufschieben empfiehlt sich, um Illusionen zu schützen. Manche wollen lieber nichts tun als nur kleine Brötchen zu backen, denn das kränkt ihren Narzissmus. Andere fürchten sich vor dem Erfolg, denn dadurch rückt das Risiko des Scheiterns beim nächsten Vorhaben näher. Perfektionisten kommen einfach nicht voran, weil sie unrealistisch hohe Maßstäbe haben. Deshalb bleiben sie schon oft in den Vorarbeiten stecken.
?: Welcher Weg führt aus dem Teufelskreis heraus?
Rückert: Um Ideen zu produzieren braucht man zwar ein kreatives Milieu. Aber für die Umsetzung bedarf es darüber hinaus professioneller Planung. Besonders wichtig ist die Kontrolle der eigenen Impulsivität, wie z.B. des vermeindlichen Bedürfnisses, jetzt sofort abzuwaschen oder Jogurt essen zu müssen.
?: Aber was soll der Student tun, wenn ihm die Arbeit wirklich über den Kopf wächst und es allein mit guter Planung nicht mehr getan ist, weil der Abgabetermin droht?
Rückert: Aufschieber meinen, dass sie alles alleine machen müssen. Das ist aber gar nicht notwendig. Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen, vielleicht für das Kind einen Babysitter anzuheuern oder sich das Essen ins Haus kommen zu lassen. Man sollte dem Freund oder der Freundin reinen Wein über seine Probleme einschenken.
?: Gibt es Techniken, die helfen, das Problem in den Griff zu bekommen?
Rückert: Wer Veränderung will, der sollte sich Rechenschaft über den Gebrauch seiner Zeit ablegen. Wo bleibt die Zeit? Wo wird getrödelt? Wieviel Zeit geht für die Freizeit weg? Wichtig ist eine sehr detaillierte Arbeitsplanung, die z.B. auch Auskunft darüber gibt, wann man eine bestimmte Bibliografie durchschaut. Vorteil: es gibt keinen Erfolg oder Misserfolg, sondern nur die Tatsache, dass die Aufgabe erledigt wurde oder nicht. Wer die Aufgabe nicht erledigt, hat dann ein schwerer wiegendes Problem.

Wenn die Hausarbeit zum Damoklesschwert wird...
Jeder vierte, der in die Studienberatung kommt, hat ein Problem mit dem Aufschieben, berichtet der Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert. Meist haben die ratsuchenden Studis schon einen langen Leidensweg hinter sich. So auch die Philosophie-Studentin Barbara Seler (Name von der Redaktion geändert).
Zwei Jahre lang hing eine Hauptseminararbeit wie ein Damoklesschwert über ihrem Studium. Informationsmöglichkeiten und Hilfe nahm sie lange Zeit nicht in Anspruch. „Ich glaubte, ein Jahrhundertwerk schreiben zu müssen. Allein kämpfte ich gegen Kant und Hegel, berichtet die 24jährige.
Statt das Studium voranzutreiben, beschäftigte sie sich mit „tausend anderen Sachen wie z.B. Hochschulpolitik. „Ich hatte keinen Nerv mehr auf dieses zähe Uni-Leben.
Barbara hat derweil viel über das Thema ihrer Philosophie-Hausarbeit nachgedacht, darüber hinaus mit vielen Kommilitonen diskutiert, allein das Niederschreiben der Arbeit kam nicht voran. Im Laufe der Zeit wurde es ihr allmählich peinlich, das Thema nochmal anzuschneiden, da immer noch keine Ende in Sicht war. „Mich hat die Arbeit wütend gemacht, ich habe sie gehasst.
Am Anfang des Studiums erlag Barbara einem Irrtum: Da sie schon von ihren Geschwistern viel über´s Studium erfahren hatte, meinte sie, auf eine Einführung verzichten zu können. Abgesehen davon wurden an ihrem Fachbereich keine Seminare angeboten, die auf das wissenschaftliche Arbeiten an der Uni vorbereiten. Heute weiss sie, dass es an der Uni weit mehr Hilfen gibt, als sie damals ahnte.
Barbara kennt inzwischen die Umstände, die ihr die Motivation für die Arbeit geraubt haben. Die Notengebung erschien ihr willkürlich. Wie gut oder schlecht ihre Leistungen wirklich waren, konnte sie nicht erkennen. So hatte sie trotz erworbener Scheine das Gefühl, nichts geleistet zu haben. „Ein Belohnungseffekt gibt es an der Uni nicht.
Erst über Umwege kam sie zur Studienberatung. Dort lernte Barbara, wie sinnvoll es ist, ihre Arbeit gut zu organisieren und sich nicht zu viel vorzunehmen. Heute arbeitet sie nicht mehr einfach so ins Blaue hinein, sondern zieht regelmäßig über ihre Arbeitsfortschritte Bilanz.
Eine wichtige Voraussetzung für ihren neuen Arbeitstil sei eine „gesunde Desillusionierung. „Ich habe mein positiv geprägtes Bild von der Uni heruntergekocht. Die verklärte Vorstellung über die ach so geistreiche akademische Welt ist einer realistischen Einschätzung gewichen.
Auch wenn Barbara von einer total verschulten Hochschule nichts hält, so ist sie doch für Pflichtseminare, die auch Arbeitsmethoden vermitteln. Barbara sinniert: „Was nutzt die kreative Freiheit, wenn man aus dem Potential nicht viel Kreatives rausholen kann.

Handeln statt Aufschieben: Tipps gegen den Verschiebe-Gau
Damit Du wieder in Schwung kommst und produktiv werden kannst empfiehlt sich das BAR-Konzept (B wie Bewußtheit, A wie Aktionen und R wie Rechenschaft)
* Bewußtheit: Zuerst sollte man sich bewußt werden, wie man zum Aufschieber wurde, welche Konflikte hinter dem Aufschieben stehen, welche Einstellungen das Aufschieben begünstigen oder dem entgegenstehen.
* Aktionen: Dann folgen Handlungen, wie z.B. das Setzen überprüfbarer Ziele, das Planen vernünftiger Schritte und nicht zuletzt das Umsetzen des Planes. Damit die Handlung nicht im Stadium des guten Vorsatzes hängen bleibt, ist es wichtig, die eigene Impulsivität zu kontrollieren, wie etwa das Bedürfnis, sich jetzt sofort einen Kaffee zu kochen. Nach getaner Arbeit sollte man sich dann auch belohnen.
* Rechenschaft: Sinnvoll ist es sich über die eigenen Fortschritte Rechenschaft abzulegen und Veränderungen durch ein Veränderungslogbuch zu dokumentieren. In dieses Buch schreibst Du während der Überwindung des Aufschiebens Ideen, Impulse und kreative Einfälle.
Ein wichtiger Grund, warum manche Studis Arbeit immer wieder aufschieben ist ihr Perfektionismus. Und das gelingt am besten so:
* Orientiere Dich an realistischen Maßstäben statt an Idealen.
* Versuche Dich selbst zu akzeptieren, statt Dich zu verurteilen.
* Mach absichtliche Fehler.
* Ändere Deine Alles-oder -Nichts-Haltung.
Um die Quellen des Aufschiebens trocken zu legen, solltest Dein Veränderungslogbuch führen. Hier trägst Du ein, wie Du Deine Zeit verbringst. Mit folgenden Fragen kann man am abends den Tagesverlauf auswerten:
* Was war mir wichtig?
* Was war nur für andere wichtig?
* Auf welche Aktivitäten hätte ich verzichten können?
* Bei welchen habe ich zu viel Zeit verbraucht?
* Welche Aktivitäten habe ich versäumt, obwohl sie wichtig gewesen wären?
* Welche Aktivitäten haben den meisten Stress ausgelöst?

Selbstorganisation kann die Arbeit enorm erleichtern.
* Vermeide stressige 16-Stunden-Tage und verteile die Arbeit gleichmäßig .
* Ein vernünftige geführter Kalender oder Organizer kann bei der Tagesplanung helfen.
* Ein praktikables Ablagesystem in Formen von Aktenordnern und auf der Festplatte verhindert lästige Sucharbeit.
* Sinnvoll ist es Prioritäten zu setzen. Auch das Führen einer tägliche To-Do-Liste, die man abarbeitet, hilft, das Aufschieben zu vermeiden. Getane Arbeit sollte ausgestrichen werden.
* Berücksichtige bei Deiner Planung Deinen Biorhythmus und Deine Tagesform.
* Versuche immer ein wenig vor deinem Plan zu liegen. Erledige etwas vom morgigen Plan schon heute.
* Zu viele Aufgaben sollte man sich in keinem Fall aufladen.
* Es ist auch hilfreich sich zu entlasten durch Babysitter oder Lieferung von Lebensmitteln.
Dreh- und Angelpunkt des Zeitmanagement ist ein Plan:
* Nicht mehr als 20 Stunden in der Woche sollte man für sein Projekt einplanen und nicht mehr als fünf Stunden pro Tag.
* Es ist ratsam eine Stunde am Tag für Sport, Vergnügen und Erholung einzuplanen.
* Plane mindestens einen freien Tag in der Woche ein.
* Eine Arbeitseinheit sollte 45 Minuten dauern, die anschließende Pause 15 Minuten.
* Beginn mit der Arbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt. Gute Laune und Lust dürfen nicht die Voraussetzungen für den Arbeitsbeginn sein.
* Arbeite nicht, wenn Du Dich krank oder übermüdet fühlst.

© Anja Schreiber - All rights reserved

zurück