Per Auswahlgespräch zum Studienplatz

von Anja Schreiber

Stell dir vor, du hast dich um einen Studienplatz bei der ZVS beworben und wirst von einer Uni zu einem Auswahlgespräch eingeladen. Ab dem Wintersemester 2000/2001 kann das theoretisch jedem passieren, der sich über die ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) auf einen Studienplatz bewirbt.
Denn ab dem kommenden Wintersemester werden die Studienplätze für Fächer wie z.B. Humanmedizin, Architektur, Psychologie nach dem neuen Hochschulrahmengesetz vergeben. 55 Prozent der Plätze werden durch Ermittlung der besten Abiturnoten vergeben und 25 Prozent durch die Ermittlung der längsten Wartezeit. Die restlichen 20 Prozent der Studienplätze können die Hochschule mit Bewerbern besetzen, die sie selbst aussuchen.
Die ZVS wählt unter den noch nicht Zugelassenen anhand der Abiturdurchschnittsnote die Teilnehmer für dieses Hochschulverfahren aus und zwar dreimal so viele wie Studienplätze bereitstehen. Die Hochschulen können aufgrund der Abiturnote, eines Auswahlgespräches, beruflicher Qualifikation oder nach Kombination der drei Kriterien die Plätze vergeben.
Die Auswahlgespräche führen die Unis in eigener Regie durch. Bis zum Wintersemester 1997/98 wurden bundesweit 15 Prozent der Studienplätze für Human-, Zahn- und Tiermedizin über ein solches Gespräch an den Unis vergeben. Nach Angaben der ZVS werden hauptsächlich medizinische Fakultäten von den Auswahlgesprächen Gebrauch machen.
Egal an welche Alma Mater der Bewerber eingeladen wird, er kann damit rechnen, zwei Hochschullehrern etwa 30 Minuten lang Rede und Antwort zu stehen. Die Hochschulrektorenkonferenz hat in ihren Handreichungen umschrieben, was die Auswahlgespräche bringen sollen: „Das Auswahlgespräch stellt eine subjektiv-individuelle Ergänzung zu dem ansonsten schematischen Massenzulassungsverfahren nach Abiturdurchschnitt bzw. Wartezeit dar. Es bietet den Studienbewerberinnen und -bewerbern die Möglichkeit, ihre (studien- und berufsbezogene) Individualität zur Geltung zu bringen; d.h. sich selbst zu präsentieren, ihren Lebensweg zu beschreiben und sich über ihre Studien- und Berufsziele zu äußern.
Doch diese Novellierung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) stößt keineswegs auf allgemeine Begeisterung, auch wenn es ein Schritt zu mehr Autonomie der Hochschulen ist. So kritisierte das Plenum der Hochschulrektorenkonferenz bereits im vergangenen Jahr die restriktive Ausgestaltung der Hochschulauswahlverfahren. „Das HRG räumt den Hochschulen nur ein nachrangiges Entscheidungsrecht ein und schränkt ihre Möglichkeiten zur Gestaltung des Verfahrens stark ein. Die Länder haben darüber hinaus weitere Regeln beschlossen, die das Instrument der Hochschulquote wirkungslos machen, so HRK-Präsident Prof. Klaus Landfried. Dazu gehörten das Verbot der Gewichtung von Einzelnoten des Abiturzeugnisses sowie die Durchführung von Nachrückverfahren durch die ZVS. Letzteres habe zur Konsequenz, dass einer Hochschule Bewerber zugewiesen werden könnten, die von ihr in ihrem eigenen Verfahren bereits abgelehnt wurden.


Wer vorher übt, hat bessere Chancen
Angstschweiß, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend ... Das muss nicht sein. Mit der richtigen Vorbereitung auf das bevorstehende Auswahlgespräch kann der Studienbewerber der Prozedur ganz gelassen entgegensehen. Der Berliner Studienberater Siegfried Engl hat gemeinsam mit fünf Kollegen den Ratgeber „Erfolg im Auswahlgespräch 2000/2001 verfasst.
?: Wann und wie erfährt der Bewerber, ob er zu diesem Auswahlverfahren eingeladen wird?
Engl: Erst sehr spät. Etwa zwei Wochen vor dem Gespräch werden die Einladungen verschickt. Ende August oder Anfang September informiert die ZVS die Bewerber, ob sie für ein Studium zugelassen wurden oder nicht. Zur gleichen Zeit erhält auch der Student in spe die Information, ob ihn die Hochschule zum Gespräch einlädt.
?:Auf was muss sich der Studienbewerber einstellen, wenn er zum festgesetzten Zeitpunkt an die Uni kommt?
Engl: Früher gab es solch ein Prozedere ja schon in der Human-, Zahn- und Tiermedizin. Manche mussten dort die Erfahrung machen, dass sie um 8 Uhr bestellt waren, und dann bereits 100 weitere Bewerber warteten. Sie waren deswegen erst 13 Uhr dran.
?: Was wollen die Professoren eigentlich von dem Bewerber wissen?
Engl: Das Auswahlgespräch ist keine Prüfung. Am Anfang könnten Fragen zur Berufs- und Studienwahl stehen. Zu welchem Zeitpunkt fiel Ihre Berufsentscheidung? Welche Motive leiteten Ihre Berufswahl?
?: Wie können sich die Bewerber optimal vorbereiten?
Engl: Der erste Schritt ist die Selbsterforschung. Was ist meine Motivation fürs Studium? Warum halte ich mich für besonders geeignet? Diese Fragen sollte sich der Studienplatzbewerber stellen und Antworten finden. Ganz wichtig: Den Vortrag überzeugender und präziser Antworten sollte er zu Hause üben, am besten mit einem Freund oder einer Freundin als Gegenüber. Es ist in den Auswahlgesprächen immer von Vorteil, wenn ein Bewerber frei über sich selbst erzählen kann, dann haben die Hochschullehrer die Möglichkeit auf das Gesagte einzugehen.
?: Wie wichtig ist ein Fragebogen, den man noch vor dem Gespräch an die Uni zurückschicken soll?
Engl: Er kann für das Gespräch wichtig werden. Wer z.B. nichts unter der Rubrik Hobbies oder Interessen angibt, bietet den Hochschullehrern keinen Ansatzpunkt, um das Gespräch in Gang zu bringen. Auch außerschulische Aktivitäten wie ein ehrenamtliches Engagement in der Kirchengemeinde oder einem Verein gehören auf den Fragebogen. Mein Tipp: Bewerber sollten den Fragebogen sehr gründlich ausfüllen.
?: Was kann ein Studienbewerber noch tun?
Engl: Er sollte sich eingehend über das angestrebte Studium informieren, sich z.B. einen Studienführer besorgen und sich den Studienaufbau genau zu Gemüte führen. Als Psychologiestudent in spe ist es wichtig zu wissen, das man auch Statistik-Kurse belegen muss. Auch über die spätere Berufspraxis sollte sich der Bewerber informieren.
?: Welche Informationsquellen sind bei der Vorbereitung auf ein Auswahlgespräch sinnvoll?
Engl: Ich würde neben dem Internet auch Zeitungen und Fachzeitschriften empfehlen, denn die Hochschullehrer können auch nach aktuellen studienrelevante Themen fragen. Ein angehender Medizinstudent sollte über die Gesundheitsreform Bescheid wissen, ein Architekturstudent in spe über die Bebauung am Potsdamer Platz.
?: Wie sollte man sich verhalten, wenn die eigene Meinung gefragt ist, wie z.B. beim Thema Tierversuche?
Engl: Sinnvoll ist in jedem Fall eine differenzierte Meinungsäußerung. Pro und Contra-Argumente sollten gegeneinander abgewogen sein und zu einer eigenen Synthese führen. Problematisch ist es bei solchen Gesprächen, extreme Meinungen zu vertreten.
?: Wie verhält man sich am besten, wenn eine Frage kommt, die man nicht beantworten kann? Wenn z.B. der Hochschullehrer fragt: Welches Experiment fanden Sie im Chemieunterricht ganz besonders interessant? Doch dem Befragten fällt nichts ein.
Engl: Er sollte dann auf ein Thema verweisen, das ihn während der Schulzeit interessiert hat, z.B. den Umweltschutz.
?: So ein Gespräch hat ja auch immer etwas mit Selbstdarstellung zu tun. Sollte man ein guter Schauspieler sein?
Engl: Nein. Wichtig ist, dass man authentisch ist. Allerdings sollte man eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein mitbringen und deutlich machen können, warum man für diesen Studienplatz unbedingt geeignet ist.
?: Kann man alle diese Vorbereitungen innerhalb von zwei Wochen erledigen oder ist es sinnvoll, schon früher anfangen?
Engl: Der Bewerber sollte nicht erst nach dem Erhalt der Einladung mit der Vorbereitung beginnen, sondern sich schon vorher informieren, auch wenn er nicht weiß, ob er für ein Auswahlgespräch in Frage kommt. Schließlich dient die Information über sein gewünschtes Studium der Selbstüberprüfung.
?: Was kann der Bewerber tun, damit er nicht in aus allen Wolken fällt, wenn´s mit dem Studienplatz doch nicht klappt?
Engl: Auch aus diesem Grund ist es wichtig sich vorher mit seinen Motiven auseinander zu setzen, um mögliche Alternativen wie Quereinstieg und Auslandsstudium ins Auge zu fassen. Immer wieder fallen diejenigen in ein tiefes Loch, die nach einem Auswahlgespräch nicht angenommen wurden, weil sie sich persönlich abgelehnt fühlen. Aber der Bewerber sollte sich klarmachen, dass dieses Gespräch nicht seine letzte Chance ist, sondern eine zusätzliche Chance. Die schlechteste Alternative ist auf jeden Fall, erst gar nicht zum Gespräch hinzugehen. Aus meinen Gesprächen mit abgelehnten Bewerbern weiß ich: Auch diejenigen, die keinen Studienplatz erhalten haben, waren nach dem Auswahlgespräch erleichtert. Es war alles weniger dramatisch, als sie gedacht haben.


Tipps für´s Auswahlgespräch:
- Informiere dich über deinen gewünschten Studiengang, lese z.B. Studienführer. Bedenke: es macht einen schlechten Eindruck, wenn du nicht weißt, wie das Studium aufgebaut ist.
- Über deinen zukünftigen Beruf solltest du dich schlaumachen. In welchen verschiedene Bereichen kannst du später arbeiten? Wie sehen die Arbeitsbedingungen aus? Auf diese Fragen solltest du antworten können.
- Frage dich, warum du unbedingt dieses Fach studieren willst. Versuche gute Argumente zu finden und diese frei zu formulieren. Über deine Motivation wollen auch deine Gesprächspartner näheres wissen.
- Über aktuelle Themen, die sich mit deinem Studienwunsch überschneiden, solltest du Bescheid wissen. Die Lektüre von Zeitungen und Fachzeitschriften, aber auch der Blick ins Internet ist dabei sinnvoll.
- Falls du vor dem Auswahlgespräch einen Fragebogen ausfüllen sollst, bedenke, dass du zu jeder Antwort Stellung nehmen kannst. Spare nicht mit Informationen über deine Hobbies und Interessen. Sie ermöglichen den Hochschullehrern dich danach zu fragen und das Gespräch in Gang zu bringen.
- Weitere Infos zum Thema Auswahlgespräche gibt es unter
http://www.auswahlgespraeche.de oder in: „Erfolg im Auswahlgespräch 2000/2001 Hrg. Arbeitsgruppe Studienberatung (Helga Knigge-Illner, Andreas Kaiser, Johannes Nyc, Hans-Werner Rückert, Reinhard Franke, Klaus Scholle, Siegfried Engl.), ISSN-Nr. 1615-228 X, zu bestellen bei Buchhandlung Kiepert, Hardenbergstr. 4-5, 10623 Berlin, Tel: 030/311880. http://www.kiepert.de , E-Mail: bestellungen@kiepert.de

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