Souveränität wird vererbt
von Anja Schreiber
Führungspositionen in Deutschland -
kein Terrain für Kinder aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien.
Das sind - auf einen Nenner gebracht - die Untersuchungsergebnisse
des Eliteforschers Prof. Dr. Michael Hartmann von der Technischen
Universität Darmstadt. In seiner jüngsten Untersuchung
"Der Mythos von den Leistungseliten" nahm er 6500 Promovierte
der Fachrichtungen Wirtschafts- und Rechtswissenschaften aus ganz
Deutschland unter die Lupe, die in den Jahren 1955, 1965, 1975
und 1985 ihre Dissertation abgeschlossen hatten. Nach intensiver
Recherche kam er zu folgendem Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit,
in Toppositionen der Wirtschaft aufzusteigen ist trotz gleichen
akademischen Titels für Kinder aus dem normalen Bürgertum
wesentlich geringer als bei Sprösslingen aus dem Großbürgertum.
In der Auswertung wurde klar, dass es nur 9,3 Prozent aller aus
der breiten Bevölkerung gebürtigen Promovierten zu einer
hohen Führungsposition in einem Großkonzern gebracht
hatten, z.B. zu einem Mitglied der Geschäftsführung
oder des Vorstandes. Bei Promovierten aus dem gehobenen Bürgertum
liegt dagegen die Zahl bei 13,2 Prozent. Die besten Karrierechancen
hatten Akademiker mit Doktortitel aus großbürgerlichem
Umfeld: 19 Prozent waren in Toppositionen tätig. Hartmann:
"In den Spitzenunternehmen ist die Kluft noch größer.
Der Vorsprung erreicht dort maximal 400 Prozent."
Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn man diese Zahlen mit
dem Anteil vergleicht, den die einzelnen Schichten an der Gesamtbevölkerung
haben. Das gehobene Bürgertum, zu denen höhere Beamte
wie z.B. Richter am Oberlandesgericht, leitende Angestellte sowie
größere Unternehmer gehören, macht lediglich drei
Prozent aus. Noch deutlicher liegt der Fall beim Großbürgertum,
unter dem Hartmann Spitzenbeamte wie Bundesrichter, Großunternehmer,
Vorstandsmitglieder von Großunternehmen und Großgrundbesitzer
subsumiert: ihm entstammen nur 0,5 Prozent aller männlichen
Erwerbstätigen in Deutschland. Sprösslinge aus zahlenmäßig
geringen Bevölkerungsschichten sind also in Führungsetagen
überproportional vertreten.
Der Soziologe führt dies auf drei Unterschiede zurück,
durch die sich im Bürgertum aufgewachsene Akademiker von
anderen Hochschulabsolventen unterscheiden: "In bürgerlichen
Elternhäusern kommt das Kind z.B. frühzeitig mit klassischer
Musik, aber auch mit Malerei und Literatur in Berührung."
Damit wird dem Kind schon von Anfang an ein "breiterer Horizont"
vermittelt. Außerdem sind Bürgerkinder mit den so genannten
Dress- und Benimmcodes vertraut. Diese Menschen wissen einfach,
welcher Kleidungsstil in den Chefetagen gewünscht wird und
welcher Wein zu welchem Essen passt. "Ein weiterer wichtiger
Vorteil ist, dass Kinder aus bürgerlichen und vor allem großbürgerlichen
Elternhäusern jene Souveränität und Optimismus
ausstrahlen, die Problemlösungskompetenz und Selbstbewusstsein
signalisieren."
Dabei ist es gleichgültig, ob die Betreffenden eine öffentliche
oder eine private Elite-Universität besucht haben - ein Zeichen,
wie prägend in diesem Bereich Elternhaus und Herkunft sind.
Hartmanns Resümee ist ernüchternd: "Die Mächtigen
in der Gesellschaft haben Mechanismen entwickelt, die dafür
sorgen, dass die Macht in ihren Reihen bleibt." Wenig ermutigend
auch seine Einschätzung der Aufstiegsmöglichkeiten von
Frauen: "Als Arbeitertochter kann man eine Topkarriere abhaken."
Die Möglichkeiten, sich in die Führungseliten der Gesellschaft
hochzuarbeiten, schätzt Hartmann gering ein. Benimmregeln
und gesellschaftliche Codes lassen sich zwar aneignen. Aber: "Souveränität
kann man nicht erlernen." Ein guter Weg zur Karriere sei
es, so Hartmann, sich eine breit angelegte Bildung zu erwerben.
Dabei sollte man ruhig den Mut haben, den eigenen Interessen nachzugehen.
Da eine breite Bildung für den Karriereverlauf von großer
Bedeutung ist, beurteilt Hartmann die Einführung von Bachelorstudiengängen
kritisch: "Wer nur sechs oder sieben Semester studiert, hat
keine Zeit mehr, rechts und links zu schauen." Studierenden
aus bildungsfernen Schichten wird damit noch mehr die Gelegenheit
genommen, sich allgemeines Wissen anzueignen.
Literaturtipp: Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten,
Campus, 19,90 Euro.
© Anja Schreiber -
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