Entspannung für
Angespannte
von Anja Schreiber
Die Diplomprüfung
rückt immer näher. Alles ist getan, um das Studium erfolgreich
abschließen zu können. Und doch: Es bleibt ein ungutes
Gefühl, die Angst zu versagen. Nervosität stellt sich
ein. Fast jeder Studi kennt dieses Gefühl. Es tritt
nicht nur kurz vor dem Examen auf, sondern auch vor Klausuren,
Referaten oder sogar vor einem Gespräch mit dem Prof.
Viele fühlen sich ihrer Nervosität hilflos ausgeliefert.
Doch Studienberater wissen: Das muss nicht sein. Mit verschiedenen
Entspannungsmethoden kann der geplagte Student Angst und Prüfungsstress
in den Griff bekommen. Deshalb bieten Studienberatungen
der Universitäten für stressgeplagte Studierende spezielle
Seminare an, z.B. mit den Schwerpunkten Autogenes Training und
Progressive Muskelentspannung .
Der erste Schritt zu mehr Entspannung ist ein kluges Zeitmanagement.
Denn es baut Stress ab - egal, wann er im Studium auftaucht.
Deshalb rät die Psychologin Helga Knigge-Illner von
der Studienberatung an der Freien Universität Berlin
den Studierenden, ihre Zeit so zu organisieren, dass
sich die gesetzten Arbeitsziele gut erreichen lassen. Dabei
sollten auch alltägliche Dinge nicht vernachlässigt
werden. Die Studienberaterin weiß: Bei vielen wird während
der Prüfungsvorbereitung das Leben ausgeblendet.
Aber es sollte nicht nur darum gehen, das Studium oder das Examen
zu meistern, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden nicht
zu vernachlässigen. Doch häufig wird gerade in einer
Stressphase den physischen und psychischen Bedürfnissen zu
wenig Beachtung geschenkt. Einen notwendigen Ausgleich dazu können
Entspannungsmethoden schaffen: Sie sind wichtig, weil man
auf sich achtet, seinen Körper und dessen Verspannungen wahrnimmt,
so Knigge-Illner, .
Eine der bekanntesten Entspannungsmethoden ist das Autogene Training
(AT). Mit Hilfe von bestimmten Formeln konzentriert sich
der Übende auf seinen Körper. Diese Methode beugt vor.
Sie hilft, gelassener in Prüfungen hineinzugehen und besser
mit Leistungsanforderungen klarzukommen, berichtet die Diplom-Psychologin
Helga Wohllebe-Christoph, die als Studienberaterin bei der Universität
Hamburg arbeitet.
Sie rät vor Beginn des Trainings, den Hausarzt zu konsultieren.
Denn bei manchen Erkrankungen kann das AT auch kontraindiziert
sein, z.B. bei Herzbeschwerden oder Psychosen. Es ist besser das
Autogene Training in der Gruppe zu lernen, berichtet Wohllebe-Christoph.
Dort könne man gezielte Nachfragen stellen. Der Trainingsleiter
kann den Übenden beraten, falls sich beim AT Nebenwirkungen
wie z.B. Kopfschmerzen bemerkbar machen.
Leichter erlernbar ist die Progressive Muskelentspannung: sie
beruht auf der Anspannung und anschließenden Entspannungen
der Muskeln verschiedener Körperregionen und bedarf nicht
der monatelange Übung wie das AT.
Entspannungstechniken wirken präventiv, betont Knigge-Illner.
Wer z.B. kontinuierlich das AT übt, kann sich in der
Stress-Situation mit Hilfe eines einzigen Wortes entspannen. Deswegen
ist es sinnvoll, bereits am Anfang des Studiums solche Übungen
zu erlernen. Entspannungsmethoden sollten Basistechniken des wissenschaftlichen
Arbeitens sein, betont die Diplom-Psychologin Barbara Schulte-Steinicke
vom Hochschuldidaktischen Zentrum der Alice-Salomon-Fachhochschule
Berlin.
Ähnlich dem AT wirken allerdings auch andere Entspannungsmethoden
wie Yoga oder Meditation nur langfristig. Für kurzfristige
Entspannung rät sie zu Minimodulen: eine Möglichkeit
ist z.B., den eigenen Atem zu beobachten, sich auf ihn zu konzentrieren,
zuzusehen, wie er fließt. Eine andere Variante besteht darin,
sich auf eine bestimmte Vorstellung zu konzentrieren, sich ein
Bild auszumalen, mit dem man positive Gedanken und Gefühle
verbindet, z.B. einen Urlaubsplatz.
Doch neben den klassischen Entspannungsmethoden sollten Studierende
in ihrem Alltag, gerade in stressigen Zeiten, die
Entspannung suchen. Dazu gehören Pausen, Ruhe und Freizeitaktivitäten.
Schulte-Steinicke: Man sollte es sich jeden Tag ein bisschen schön
machen. Wichtig sei es, sich zu fragen: Was entspannt mich?.
Aktivitäten wie z.B. Sport treiben, Musik hören,
lesen oder Freunde treffen sollte man nicht vernachlässigen.
Besonders durch Sport lässt sich Stress gut abbauen.
Das Autogene
Training
Eine der bekanntesten Entspannungsmethoden ist das Autogene Training
(AT), das der Psychoanalytiker Johann Heinrich Schultz in den
zwanziger Jahren aus seinen Untersuchungen zur Hypnose entwickelt
hat. Bei dieser Methode der konzentrativen Selbstentspannung
steuert die betreffende Person - im Gegensatz zur Hypnose - den
Prozess des Sich-Entspannens selbst. Die Psychologin Helga
Knigge-Illner berichtet in ihrem Buch Keine Angst vor der Prüfungsangst,
Frankfurt a.M. 1999: Charakteristisch für das Autogene Training
ist eine entspannte Aufmerksamkeit, die auf bestimmte körperliche
Bereiche und Empfindungen gerichtet wird, z.B. auf das Gefühl
von Schwere im Arm. Äußere Störreize wie Geräusche,
aber auch ablenkende Gedanken werden dabei abgeschaltet und der
Weg zur inneren Ruhe beschritten. Mit Hilfe des AT ist es
möglich, Erregungs- und Spannungszustände zu dämpfen,
eine größere Gelassenheit zu entwickeln und sich besser
zu konzentrieren.
Diese Selbstsuggestion im AT bewirkt physiologische Veränderungen
im eigenen Körper: Die Atmung verlangsamt und vertieft sich,
der Herzrhythmus wird ebenfalls langsamer und die Verdauungstätigkeit
wird angeregt. Es stellt sich ein Entspannungs- und Erholungszustand
ein. Die verschiedenen Übungen beeinflussen verschiedene
Körperteile. So sorgt z.B. die Schwere-Übung für
Entspannung in der Arm- und Beinmuskulatur, die Wärme-Übung
unter anderem für Gefäßerweiterung.
Wie funktioniert eine AT-Übung konkret? Es gibt sechs verschiedene
Grundübungen: Die Schwere-, Wärme-, Atem-, Herz-,
Sonnengeflecht- und Stirnkühle-Übung, mit denen jeweils
kurze Formeln verbunden sind.
Die Übung beginnt mit der Schwere-Formel. Der rechte Arm
ist schwer. Beide Arme sind schwer. Arme und Beine sind schwer.
Anschließend folgt die Wärme-Übung: Der rechte
Arm ist warm. Die Formel der Atem-Übung lautet: Atmung ist
ruhig und regelmäßig. Die Formel der Herz-Übung:
Herz schlägt ruhig und regelmäßig. Die Sonnengeflecht-Übung
wird mit den Worten Sonnengeflecht strömt warm eingeleitet.
Für die Stirnkühle-Übung wird die Formel Stirn
ist angenehm kühl verwendet. Diese Formeln werden vier- bis
sechsmal wiederholt. Dazwischen wird die Ruheformel Ich bin ruhig
eingestreut. Diese Sätze werden nicht laut, sondern
innerlich gesprochen. Eine wichtige Voraussetzung ist eine entspannte
Haltung, z.B. das Sitzen auf einem Stuhl. Die Augen bleiben geschlossen.
Wichtig bei dem AT ist die so genannte Rücknahme, d.h. der
Übende steht nicht direkt nach der Übung auf, sondern
schließt sie ab, indem er die Entspannung mit den Worten
Arme fest, Atmung tief, Augen auf zurücknimmt. Anschließend
sollte man sich bewegen. Andere Rücknahme-Formeln führen
den Körper langsamer in den Normalzustand zurück.
Noch ein paar Tipps rund ums AT:
- Viele AT-Experten raten davon ab, sich diese Entspannungsmethode
allein beizubringen. Insbesondere die Herz-Übung sollte nur
unter fachlicher Anleitung erlernt werden. In jedem Fall ist es
sinnvoll, einen Kurs bei der Studienberatung oder der Volkshochschule
zu besuchen.
- Damit sich der gewünschte Entspannungserfolg einstellt,
solltest Du jeden Tag zwei- bis dreimal üben.
- Zuerst solltest Du Dich so lange auf die Schwere- und
Wärme-Übung beschränken, bis Du sie sicher beherrschst.
- Um das AT zu beherrschen braucht man Zeit, d.h. wer sich mit
Hilfe dieser Methode schnell entspannen möchte, muss sie
vorher vier bis fünf Monate regelmäßig üben.
Die Progressive
Muskelentspannung, die Progressive Muskelrelaxation
Das Entspannungstraining nach Jacobsen geht einen anderen Weg
als das Autogene Training. Es beruht auf dem Wechsel von muskulärer
Anspannung und Entspannung. Der Übende spannt seine Muskeln
nacheinander in einer bestimmten Reihenfolge an. Danach entspannt
er die zuvor angespannten Partien wieder. Der Vorteil dieser Methode
liegt auf der Hand: Sie lässt sich leicht erlernen und braucht
nicht monatelang geübt zu werden. Außerdem kommt sie
dem Bedürfnis vieler Menschen nach aktiver Betätigung
entgegen.
Verschiedene Muskelpartien in den Hände und Armen,
im Gesicht und in den Schultern, in Brust, Bauch und Rücken
sowie in den Beinen werden nacheinander in diese Übung mit
einbezogen.
Die Übung selbst läuft nach einem einfachen Prinzip
ab. Zuerst wird die betreffende Muskelgruppe angespannt. Diese
Spannung wird fünf bis zehn Sekunden gehalten. In einem
zweiten Schritt wird die Anspannung gelockert. Der dritte Schritt
ist das Spüren der Entspannung. Diese sollte 30 Sekunden
andauern.
Die Anpannung einzelner Muskelgruppen wird von jedem ständig
unbewusst praktiziert. So ist z.B. Grimassenschneiden nichts anderes
als die Anspannung der Gesichtsmuskulatur. Auch beim Fäusteballen
werden die Muskeln gestrafft.
Bei dieser Methode ist ebenfalls eine entspannte Sitzhaltung wichtig.
Die Hände werden auf die Oberschenkel gelegt und die
Augen geschlossen. Auch bei der Progressiven Muskelrelaxation
ist eine Rücknahme des Entspannungszustandes wichtig, indem
man zum Schluss nochmals die Muskeln anspannt, tief durchatmet
und die Augen öffnet.
© Anja Schreiber - All rights reserved ![]()