Wo ein Wille ist ...
von Anja Schreiber
Promovieren als Fachhochschulabsolvent?
Theoretisch kein Problem, doch in der Praxis sieht´s schon
anders aus. Denn Hürden und Fallstricke liegen auf dem steinigen
Weg zum akademischen "Adelstitel". Die Doktorvatersuche
gleicht meist der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel
im Heuhaufen. Bevor der Promotionswillige an einer Uni angenommen
wird, muss er ein so genanntes Eignungsfeststellungsverfahren
durchlaufen. In der Praxis heißt das: an der Uni Prüfungen
ablegen, Seminare besuchen und zusätzliche Zeit investieren.
"Für FH-Absolventen ist es nach wie vor schwierig zu
promovieren." Mit diesen kurzen Satz fasst Ansgar Keller
von der Transferstelle der Fachhochschule für Technik und
Wirtschaft Berlin seine Erfahrung zusammen. Der Diplom-Kaufmann
weiß, wovon er spricht: Er hat eine 140-seitige Studie zum
Thema "Promotionsmöglichkeiten von Fachhochschulabsolventen
an Universitäten" verfasst. Dafür hat er die Promotionsbedingungen
an 115 Fachbereichen bzw. Fakultäten von 50 deutschen Universitäten
untersucht und bewertet. Durch die oft sehr restriktiven, kaum
realisierbaren Eignungsfeststellungsverfahren seien die Promotionsmöglichkeiten
von FHlern sehr begrenzt, berichtet Keller.
Was die Worthülse "Eignungsfeststellungsverfahren"
im wirklichen Leben bedeutet, kann sehr unterschiedlich sein und
variiert von Universität zu Universität. In der Regel
gilt, dass das FH-Diplom mit dem Prädikat "sehr gut"
abgeschlossen sein muss. Außerdem muss der Promotionswillige
in der Regel zusätzliche Prüfungen in verschiedenen
Fächern absolvieren, eine wissenschaftliche Arbeit schreiben
oder andere Studienleistungen erbringen. Dazu kann gehören,
dass er Teile der universitären Diplomprüfung absolvieren
muss. Keller berichtet, dass einzelne Promotionsordnungen auch
ein zeitliches Limit für die Erbringung dieser zusätzlichen
Leistungen setzen. An einigen Universitäten wird nicht nur
eine bestimmte Anzahl zusätzlicher Leistungsnachweise gefordert,
sondern auch deren Abschluss mit einer Mindestnote von 2,4 und
besser. Drei bis vier Semester können so ins Land gehen,
bevor das eigentliche Promotionsverfahren beginnt.
Bei Kellers Bewertung der Zugangsmöglichkeiten stellte sich
heraus, dass im Osten Deutschlands die FHler auf überdurchschnittlich
gute Zugangsbedingungen stoßen. Unter den ersten fünf
Unis finden sich drei ostdeutsche Hochschulen. So auf Platz eins
die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Keller führt
das auf den "frischen Wind" zurück, der hier nach
der Wende eingezogen ist.
Trotz all dieser Probleme entschließen sich immer mehr FH-Absolventen
zur Promotion. Dies geht auch aus zwei Umfragen der Hochschulrektorenkonferenz
(HRK) aus den Jahren 1996/97 und 1999/2000 hervor. Während
im Erhebungszeitraum 1996/97 lediglich 423 Anträge von FH-Absolventen
auf Promotion im gesamten Bundesgebiet gestellt wurden, hat sich
die Zahl in den Jahren 1999/2000 mit 873 mehr als verdoppelt.
Wurden bei der ersten Umfrage Mitte der 90er-Jahre nur 16 Promotionen
erfolgreich abgeschlossen, so stieg ihre Zahl während der
zweiten Umfrage auf 109. Im Jahr 1996/97 wurden 98 Anträge
abgelehnt, im Jahr 1999/2000 waren es 200.
In der Umfrage von 1999/2000 zeigt sich, dass die meisten Promotionsanträge
von Ingenieurwissenschaftlern gestellt werden. Ihre Zahl lag bei
277, also bei 31,72 Prozent. Im Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften
wurden im gleichen Zeitraum 189 Anträge gestellt (21,64 Prozent).
Das Schlusslicht unter den Fächergruppen bilden die Sportwissenschaften
mit lediglich acht Anträgen oder 0,91 Prozent. Vergleichbare
Zahlen liegen auch aus der Umfrage aus dem Jahre 1996/97 vor:
Damals hatten 157 Ingenieurwissenschaftler einen Promotionsantrag
gestellt (37,11 Prozent). Die Antragszahl der Sprach- und Kulturwissenschaftler
lag bei 93 (21,98 Prozent). Warum gerade in bestimmten Fächergruppen
mehr Promotionen geschrieben werden als in anderen, darüber
gibt die Umfrage keine Auskunft. Es sei bloße Spekulation,
so Karina Dudek, zuständige Sachbearbeiterin bei der HRK,
dass es in den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen leichter
sei, einen Doktorvater zu finden. Die Umfrage biete lediglich
statistisches Material und zeige wie ein Barometer an, an welchen
Unis mehr FH-Absolventen promovieren und an welchen weniger.
Überdurchschnittlich viele Anträge gab es laut der Umfrage
1999/2000 im Osten Deutschlands. Die Hochschule mit den meisten
Anträgen, nämlich 95, ist die TU Dresden. Mit 21 Promotionen
im betreffenden Zeitraum kann die Universität Hamburg die
höchste Zahl an abgeschlossenen Promotionsverfahren von FH-Absolventen
vorweisen.
Petra Hülsmann hat eine nervenaufreibende, jahrelange Suche
nach einen Doktorvater hinter sich. 1997 schloss die junge Frau
ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule
Dortmund ab. 1998 machte sie sich auf die Suche nach einem Doktorvater.
Zu 30 Professoren nahm die FH-Absolventin Kontakt auf, schrieb
insgesamt fünf Exposés zu unterschiedlichen Themen.
Immer wieder neu musste sie sich in die Themen einarbeiten, sich
wieder auf Literaturrecherche machen. Hülsmann: "Die
Arbeit an einem acht- bis zehnseitigen Exposé dauert zwei
Monate."
Doch die engagierte Diplom-Betriebswirtin erlebte immer wieder
Rückschläge. So reichte sie ein Exposé bei einer
Frau ein, von der sich später herausstellte, dass diese gar
nicht habilitiert hatte. Diese Frau durfte also gar nicht als
Doktormutter fungieren. Damit war all die investierte Arbeit umsonst.
Als ein weiteres Problem stellte sich heraus, dass Hülsmann
sehr lange auf ein Feedback auf ihre Exposés warten musste.
"Das war nervenaufreibend", so die Betriebswirtin, die
inzwischen als Selbständige arbeitet. Die Versuche, mit den
Hochschullehrern telefonisch ins Gespräch zu kommen, gestalteten
sich ebenfalls problematisch, da sie in der Regel schwierig zu
erreichen waren. Doch ihre Suche war von Erfolg gekrönt:
Seit vorigem Jahr (2000) hat die FH-Absolventin die Zusage eines
Doktorvaters. So ist sie inzwischen an der Universität Bielefeld
an der Fakultät Gesundheitswissenschaften eingeschrieben
und absolviert dort die so genannten promotionsvorbereitenden
Studien. Zweimal in der Woche fährt sie von Dortmund nach
Bielefeld. Und nebenher darf sie auch ihre Consulting-Firma nicht
vernachlässigen, denn die ist schließlich ihre Existenzgrundlage.
Häufig werden es 14 Stunden, die sie am Tag arbeiten muss.
Petra Hülsmann ist beim Doktoranden-Netzwerk Thesis die Leiterin
der Arbeitsgruppe FH-Promotion. Das Netzwerk hat zu diesem Thema
eine eigene Mailingliste initiiert und bietet im Internet, aber
auch im gegenseitigen Austausch viele Informationen zum Thema
Promotion von FH-Absolventen an. Hülsmann fasst die gemeinsame
Erfahrung der in der Arbeitsgruppe zusammengeschlossenen Promovierenden
und Promotionswilligen zusammen: "Viele Hochschulen sind
nicht gewillt, FH-Absolventen als Doktoranden anzunehmen."
Die Voraussetzungen seien so hochgeschraubt, dass viele abgeschreckt
würden.
Dass ein Promotionswunsch an der harten Realität scheitern
kann, davon weiß auch der Diplom-Betriebswirt Elmar Holschbach
ein Lied zu singen. Mit einem Notendurchschnitt von 1,6 war er
der Jahrgangsbeste der Fachhochschule der Wirtschaft in Paderborn.
Neben seiner praktischen Arbeit bei einem Erntemaschinenhersteller
wollte sich der junge Absolvent auch wissenschaftlich mit einem
Thema auseinander setzen, das für seinen Betrieb von praktischer
Relevanz ist. Er gewann das Interesse seiner Vorgesetzten und
hätte sogar seine Stelle auf eine Halbtagstätigkeit
reduzieren können, um so Zeit für seine Doktorarbeit
zu haben. Seine ehemaligen Professoren schrieben ihm Referenzen.
So arbeitete er innerhalb von zwei Monaten ein Exposé aus
und verschickte dies. Insgesamt hat er 25 Universitäten das
Schriftstück zukommen lassen. Doch einen Doktorvater hat
er nicht gefunden. Oft hörte er die Antwort, der betreffende
Hochschullehrer sei überlastet. Doch ihm wurde auch gesagt:
"FH-Absolventen genügen unseren Ansprüchen an ein
theoretisches Fachwissen nicht." Der 26-Jährige (am
16. Juni wird er 27) hat den Wunsch zu promovieren inzwischen
ad acta gelegt. Er überlegt sich, stattdessen irgendwann
in England den Mastertitel zu erwerben. Promotionswilligen FH-Absolventen
empfiehlt er, sich an das Doktoranden-Netzwerk Thesis zu wenden.
Ihm wurde dort "sehr weitergeholfen", berichtet Holschbach.
Bei Karina Dudek landen viele Ratsuchende, die sich von der HRK
Rat und Hilfe erhoffen. Aus ihrer eigenen Arbeit wisse sie, dass
viele promotionswillige FH-Absolventen wenig über die Promotionsmöglichkeiten
informiert seien. "Ich versuche, Mut zu machen", berichtet
sie. Falls die Doktorvatersuche an einer Uni scheitere, rät
sie, es noch einmal an einer anderen Uni zu versuchen. Eine Möglichkeit,
sich über die verschiedenen Zulassungsvoraussetzungen zu
informieren, bietet das Handbuch "Promotionsmöglichkeiten
für FH-Absolventen", das von der HRK dieses Jahr völlig
neu überarbeitet herausgegeben worden ist.
Petra Hülsmann berät auch Promotionswillige, die über
das Internet oder über Zeitungsartikel von der Existenz von
Thesis erfahren haben. "Ich rate den Leuten, sich ehrlich
zu fragen, ob sie sich für Jahre von ihrer Freizeit verabschieden
wollen." Es sei besonders wichtig, alle Kontakte zu FH-Professoren,
aber auch zu Uni-Professoren zu nutzen. Denn die so genannte Kaltaquise
- die Suche nach einem Doktorvater ohne jeglichen persönlichen
Kontakt - gestalte sich oft schwierig. Gleichzeitig sollte man
intensiv die Promotionsordnungen studieren, um herauszufinden,
bei welcher man die Voraussetzungen erfülle. Petra Hülsmann
ist auch Mitgründerin und Teilnehmerin des "Doktoranden
Competence Center" der Dortmunder FH. In diesem Rahmen trifft
sie sich zweimal im Monat mit anderen Promovierenden zum gemeinsamen
Erfahrungsaustausch.
Das "Doktoranden Competence Center" (DCC) wurde Anfang
diesen Jahres gegründet. Ausschlaggebend für die Gründung,
so Ralf Brickau, Gründungsprofessor des DCC, sei die Tatsache
gewesen, dass FH-Absolventen "oft durch die Lande irren".
Sie promovierten vereinzelt an verschiedenen Unis im In- und Ausland,
ohne ausreichend Gelegenheit zu haben, sich mit Leidensgenossen
auszutauschen. Die zurzeit sieben Mitglieder informieren sich
gegenseitig über den Stand ihres Projektes und coachen einander,
berichtet Brickau, Professor am Fachbereich Wirtschaft der Dortmunder
FH. Der Vorteil: In dieser Gruppe sind Gleiche unter Gleichen.
Die Teilnehmer haben ähnliche Probleme mit den Besonderheiten,
die auf promovierende FH-Absolventen zukommen. Im DCC sollen künftig
einschlägige Informationen über Promotionsmöglichkeiten
für FH-Absolventen gesammelt werden. Neben der Datenbasis
soll ein Pool von Fachleuten entstehen. Die verschiedensten Kontakte
der Hochschullehrer und Promovierenden sollen sich zu einem Netzwerk
verbinden, um so den Promotionswilligen bei der Suche nach der
für ihn passenden Uni oder nach einem aufgeschlossene Doktorvater
zu helfen.
Brickau hofft auf Unterstützung: "Geld ist beantragt."
Bisher würden solche Projekte nur an staatlichen Universitäten
unterstützt. Wie hoch der Informationsbedarf ist, erfährt
Brickau am eigenen Leib: der Wirtschaftswissenschaftler wird mit
Anfragen rund um das Thema Promotionsmöglichkeiten von FH-Absolventen
überhäuft. Mehr als 100 harren der Beantwortung. Doch
er warnt: "Wir können nicht alle Probleme lösen."
Denn noch handelt es sich nur um eine kleine ehrenamtliche Initiative
und nicht um eine große, staatlich geförderten Institution
mit entsprechender Manpower.
Für FH-Absolventen führt der Weg zur Promotion übers
Ausland meist schneller zum Ziel als in Deutschland. So können
Absolventen in Großbritannien die Doktorwürde Ph.D.
in drei Jahren erlangen. Viele Promotionswillige schrecken aber
die hohen Studiengebühren ab. Doch das muss nicht sein, wenn
deutsche Fachhochschulen und englische Universitäten zusammenarbeiten.
Ein gelungenes Beispiel für so eine Kooperation wird im Fachbereich
Maschinenbau an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule in Nürnberg
praktiziert. Auch die Wirtschaft wird in diese Kooperation einbezogen.
So werden die Themen der Doktorarbeiten von Unternehmen vorgeschlagen.
Im Gegenzug wird der Doktorand, der das Thema bearbeitet, bei
der Firma angestellt. Die meisten Doktoranden erhalten spezielle
auf drei bis vier Jahre befristete Arbeitsverträge, die ihnen
die Arbeit an ihrer Promotion ermöglichen. Auch wird ihnen
schriftlich zugesichert, dass sie sich ca. sechs Wochen im Jahr
in Großbritannien aufhalten können, um an den dortigen
Universitäten an der Dissertation und an Veröffentlichungen
zu arbeiten. Der von einem Unternehmen angestellte FH-Absolvent
erhält ca. zwei Drittel eines normalen Gehalts. Zusätzlich
übernimmt der Arbeitgeber die Reise- und Hotelkosten des
Promovenden. Auch für die Reisekosten der britischen Betreuer
kommt die Firma auf, teilweise sogar für die Studiengebühren.
Durch die speziellen Kooperationsverträge zwischen der FH
Nürnberg und den britischen Universitäten liegen diese
nur bei 1000 englischen Pfund im Jahr - ein Bruchteil der sonst
üblichen Gebühren. Den großen Nutzwert für
die kooperierenden Unternehmen beschreibt Maschinenbau-Professor
Dr. Jürgen Zech von der Nürnberger FH so: "Die
wissenschaftlichen Themen sind zu 100 Prozent aus dem täglichen
Praxisumfeld der Firmen. Firma und Doktorand lernen sich kennen!"
Ein großer Vorteil dieser Promotionsvariante ist auch die
intensive Betreuung: Der Doktorand wird nicht nur von einem Doktorvater
begleitet, sondern von einem ganzen Team von Betreuern. Dazu gehören
neben englischen Professoren auch Nürnberger Hochschullehrer
und hoch qualifizierte Fachleute des Unternehmens, bei dem der
Promovend angestellt ist.
Unter diesen Bedingungen sei eine Fertigstellung der Dissertation
in etwa drei Jahren möglich, so Zech. Wer aus irgendwelchen
Gründen das Promotionsstudium nicht beenden könne, der
habe - wie alle Teilnehmer - nach zwölf bis 18 Monaten Studium
die Möglichkeit, im Vereinigten Königreich den Mastertitel
zu erwerben. Zech betont nicht ohne Stolz, dass bisher noch keiner
der Kandidaten die Promotion abgebrochen habe.
Die Teilnahme an diesem Promotionsstudium ist an einige Bedingungen
geknüpft: überdurchschnittliche Abschlussnoten, eine
hohe Motivation und ausbaufähige Englischkenntnisse. Bisher
haben in zehn Jahren mehr als zwölf junge Leute aus dem Fachbereich
von Prof. Zech diese Möglichkeit genutzt.
Die Situation von FH-Absolventen, die in Deutschland einen Doktortitel
erwerben wollen, sieht der Hochschullehrer kritisch. Es gäbe,
so Zech, einen unschönen Wettbewerb zwischen Universitäten
und Fachhochschulen. "Die FH-Absolventen werden ausgebremst",
sagt Zech. Wenn jemand später in den öffentlichen Dienst
gehen will, wird er trotz Promotion wie ein FH-Diplomand eingestuft,
d.h. er kann nicht wie Uni-Absolventen sofort in den höheren
Dienst aufgenommen werden. Viele Promotionsordnungen forderten
einen Notendurchschnitt, der besser als 1,5 sei. Aber diese Note
werde kaum an den Fachhochschulen vergeben. Bessere Erfahrungen
hat der Professor mit den Universitäten in Ostdeutschland
gemacht. Die Zulassungsverfahren seien weniger rigide.
Prof. Brickau hat seine Promotion in Großbritannien an der
University of Plymouth abgelegt. Durch seine Kontakte ist es zu
einer Kooperation zwischen der Dortmunder FH und der englischen
Universität gekommen, so dass inzwischen zwei Dortmunder
Absolventen ihren Doktor im Vereinigten Königreich bauen
und eine weitere Nachwuchswissenschaftlerin bereits ihren Doktortitel
erhalten hat. Die Forschungsarbeiten werden in Kooperation mit
der Wirtschaft von englischen und deutschen Hochschullehrern betreut.
Einer der ersten Absolventen der Nürnberger Fachhochschule,
der seinen Doktor erfolgreich in Großbritannien gebaut hat,
ist Dr. Volker Klügl. Der 32-Jährige war noch sehr jung,
als er sein Maschinenbau-Diplom in der Tasche hatte. Mit gerade
einmal 24 Jahren wollte er auf seinen "sehr guten" Studienabschluss
noch "eins draufsetzen", wie es Klügl selbst nennt.
Zwei Möglichkeiten sah er: Entweder konnte er den Titel Wirtschaftsingenieur
erwerben oder promovieren. Er gab der Promotion den Vorzug, nicht
zuletzt, weil ein Doktortitel einen gesellschaftlich höheren
Stellenwert hat. So ging er im Rahmen der Kooperationsvereinbarungen
an die University of Glamorgen. In einem wichtigen Punkt beschritt
der junge Ingenieur neue Wege: "Ich war bei einer deutschen
Firma angestellt. Das war neu." Die Doktoranden vor ihm waren
bei englischen Firmen unter Vertrag.
Zuvor hatte er sehr sorgfältig abgewogen, ob er nicht in
Deutschland promovieren solle. Doch damals hätte er das gesamte
Hauptstudium nochmals an einer Uni wiederholen und mit der Diplomprüfung
abschließen müssen, berichtet Klügl. Eine weitere
Hauptschwierigkeit wäre gewesen, einen Doktorvater zu finden.
Das Promotionsstudium in England bietet darüber hinaus noch
einen entscheidenden Vorteil gegenüber einer Promotion im
Bundesgebiet: Die Aneignung sehr guter englischer Sprachkenntnis
mit dem Schwerpunkt Wissenschaftssprache. Zwar hatte Klügl
schon als FH-Student ein Praktikum in den USA absolviert, doch
die Dissertation in der englischen Wissenschaftssprache zu formulieren,
sei eine weit größere Herausforderung. "Die entsprechende
Regularien sind streng. Die deutschen Doktoranden werden mit den
Muttersprachlern verglichen", betont Klügl, der seit
drei Jahren den Ph.D. führen darf.
Bisher hat noch niemand die Nase darüber gerümpft, dass
Klügl seinen Doktortitel in Großbritannien erworben
hat. "Die Firmen sehen den Doktortitel pragmatisch",
berichtet der Ingenieur aus eigener Erfahrung. In Unternehmen
sehe man in erster Linie auf die Außenwirkung, die so ein
Titel habe.
Heute ist er stolz, dass er durchgehalten hat. FH-Absolventen,
die sich mit dem Gedanken tragen, auch zu promovieren, rät
er, dieses Unternehmen "kritisch zu hinterfragen". "Das
ist nichts für Leute, die mit dem Strom schwimmen",
meint Klügl. Es bedürfe viel Fleiß und Selbstdisziplin,
eine Promotion durchzustehen. Denn schließlich gäbe
es gerade für FH-Absolventen viele Unwegsamkeiten.
Tipps für
promotionswillige FH-Absolventen
Hohe Hürden, viele Fangstricke. Wer als FH-Absolvent einen
Doktortitel anstrebt, braucht einen langen Atem und ein gehöriges
Maß an Motivation. Deshalb ist eine genaue Promotionsplanung
für den Erfolg sehr wichtig. Hier sind ein paar Tipps, die
bei der Organisation der Doktorarbeit helfen können:
- Wer promovieren will, sollte sich folgende Fragen stellen ehrlich
beantworten: Wie viel zusätzliche Leistung muss ich neben
der Doktorarbeit erbringen? Wie lange darf meine Promotionsphase
dauern? Kann ich die Anforderungen, die mir durch die Promotion
entstehen, mit meinen finanziellen oder beruflichen Rahmenbedingungen
vereinbaren? Spielt meine Familie oder Partnerschaft bei diesem
Vorhaben mit?
- Der Promotionswillige sollte genau prüfen, welche Universität
für ihn am ehesten in Frage kommt. Wichtige Kriterien sind
z.B. ein aufgeschlossener Doktorvater, der eigene Leistungstand
(erreichte oder zu erwartende Examensnote) sowie die eigenen zeitlichen
und finanziellen Möglichkeiten. Was für Studienabschlüsse
und Promotionen im Allgemeinen gilt, das ist auch bei der Promotion
von FH-Absolventen nicht anders. Jede Fakultät hat ihre eigene
Promotionsordnung. Die Bedingungen, unter denen FHler zur Promotion
zugelassen werden, könnten unterschiedlicher nicht sein.
Deshalb sollte sich jeder vorher genau mit den Promotionsordnungen
vertraut machen und kritisch vergleichen. Inzwischen machen zwei
Bücher dieses Studium der Ordnungen einfacher. Zum einen
hat die Hochschulrektorenkonferenz das Buch "Promotionsmöglichkeiten
für FH-Absolventen" herausgebracht, das eine Sammlung
der einschlägigen Bestimmungen aus den Promotionsordnungen
der Universitäten enthält. Zum anderen bewertet die
Studie "Promotionsmöglichkeiten von Fachhochschulabsolventen
an Universitäten" von Ansgar Keller Universitäten
anhand ihrer Zugangsbedingungen für FH-Absolventen.
- Wer eine für ihn interessante Universität bzw. Professor
gefunden hat, sollte möglichst früh mit ihr in Kontakt
treten, zum Beispiel schon zu Beginn des Hauptstudiums an der
Fachhochschule. Sinnvoll ist es, wenn ein Professor von der Fachhochschule
diesen Prozess begleiten und fördern kann. Einen Universitätsprofessor
zu finden, der Interesse hat, die Promotion eines FH-Absolventen
zu begleiten, kann sich schwierig gestalten. Deshalb ist es unerlässlich,
sich genau über das Forschungsgebiet des Wunsch-Doktorvaters
zu informieren und sein eigenes Forschungsvorhaben nach diesem
auszurichten. Gerade in dieser ersten Phase, in der der FHler
noch einen Doktorvater oder eine Doktormutter sucht, kann es sinnvoll
sein, nicht nur mit einer Uni Kontakt aufzunehmen, sondern mehrere
"Eisen im Feuer" zu haben.
- Der promotionswillige FHler muss mehr Zeit für die Erlangung
der Doktorwürde veranschlagen als ein Uni-Absolvent. Nach
Ablegen des Fachhochschulexamens kommen Eignungsfeststellungsprüfungen
auf den Nachwuchsakademiker zu. Er muss in der Regel an zusätzlichen
Seminaren teilnehmen und weitere Leistungsnachweise erwerben.
Erst danach kann das Promotionsverfahren formell eröffnet
werden. Die Erlangung all dieser Leistung kann unter Umständen
zwei Jahre dauern. Mit der eigentliche Promotionsdauer muss der
Doktorand also meist fünf Jahre für die Erlangung des
Doktorgrades einplanen. Ein weiterer zeitverzögernder Faktor
kann auch die Suche nach einem Doktorvater sein.
-Für Promotionswillige, bei denen das Examen schon einige
Jahre zurückliegt, empfiehlt sich die Wiederaufnahme des
Kontakts zur früheren Fachhochschule.
- Der Promotionswillige sollte auch eruieren, ob es für ihn
Alternativen zur Promotion an einer deutschen Universität
gibt. Im Ausland ist es für FH-Absolventen meist weniger
kompliziert einen Doktor zu erlangen als in der Bundesrepublik.
Teilweise kooperieren Fachhochschulen und ausländischen Unis.
Erste Regel: Informationen über solche Möglichkeiten
bei der "Heimat-FH" einholen!
Weitere Infos
gibt´s...
- in der Studie "Promotionsmöglichkeiten von Fachhochschulabsolventen
an Universitäten" von Ansgar Keller. Sie ist bei der
Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW),
Berlin 2000, ISBN-Nr. 3-931221-07-5, erhältlich: FHTW Transferstelle,
Treskowallee 8, 10313 Berlin, Tel. 030/5019- 2576, Fax 030/5019-2477,
Email: AKeller@FHTW-Berlin.de Preis: 20 Mark (bei Immatrikulationsbescheinigung
10 Mark), zzgl. Porto.
- in dem Buch "Promotionsmöglichkeiten für FH-Absolventen.
Sammlung der einschlägigen Bestimmungen aus den Promotionsordnungen
der Universitäten", herausgegeben von der Hochschulrektorenkonferenz,
Verlag Karl Heinrich Bock, Bad Honnef 2001, ISBN-Nr. 3-87066-809-1,
Preis 58 Mark.
- Wer sich für das Thema interessiert und Kontakt zu promovierenden
FH-Absolventen sucht, der ist beim Doktoranden-Netzwerk Thesis
an der richtigen Adresse. Das Netzwerk hat eine eigene Arbeitsgemeinschaft
"FH-Promotion" eingerichtet. Auch eine Mailingliste
zu diesem Thema existiert. Mehr Fakten finden sich im Netz unter
www.thesis.de/Pages/ArbeitsgruppeFH.htm
- Weitere Informationen über das "Doktoranden Competence
Center" (DCC) an der Fachhochschule Dortmund erteilt Prof.
Ralf Brickau. Tel.: 0231/755-4883
© Anja Schreiber - All rights reserved ![]()