Nicht überall auf der Welt bedeutet Kopfnicken Ja
von Anja Schreiber
Wer als Ausländer nach Deutschland
kommt, stößt nicht nur auf Sprachschwierigkeiten, sondern
versteht auch viele Gebärden nicht. So verneint ein Syrer
eine Frage mit einen Kopfnicken. Das in Deutschland und in ganz
Mitteleuropa übliche Kopfschütteln wird bei ihm auf
Unverständnis stoßen.
Die Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität
Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Alltagsgebärden
der Mitteleuropäer zu untersuchen und sie lexikographisch
zu erfassen. Bisher sind die Gebärden noch weitgehend unerforscht.
Die Alltagsgebärden der Mitteleuropäer umfassen etwa
150 verschiedene Einzelgebärden. Allerdings gibt es verschiedenen
Möglichkeiten, diese Gebärden auszuführen. Eine
Gebärde hat nämlich zwischen zwei bis sieben Varianten.
Die Semiotiker der TU haben 600 Personen aller Altersstufen zum
Thema Gebärden interviewt. Ein Teil der Versuchspersonen
wurde gebeten, zu einer bestimmten sprachlichen Formulierung eine
typische Körperbewegung zu machen. Ein anderer Teil hatte
die Aufgabe, eine vorgespielte Gebärde in Sprache zu übersetzen.
Die Personen wurden nach repräsentativen Merkmalen ausgesucht,
so wurden z.B. Berliner aus dem Ost- und Westteil der Stadt, Ausländer,
Frauen und Männer befragt.
Ein überraschendes Ergebnis der Untersuchung: Auch acht Jahre
nach dem Fall der Mauer, gibt es in den Alltagsgebärden zwischen
ehemaligen Ost- und Westdeutschen noch große Unter-schiede.
So kennen die Ostdeutschen beispielsweise die Geste, mit dem Zeigefinger
gegen die Kehle zu schnipsen. Diese Gebärde bedeutet Wodka
trinken und ist oft eine Aufforderung zum Konsum des russischen
Nationalgetränks. Bei Westdeutschen ist diese Geste unbekannt.
Genauso wie das angedeutete Umschlagen des Jacketkragens, das
vor einem Spitzel warnt.
Im Gegensatz zu Ost und West gibt es bei Männern und Frauen
so gut wie gar keine Unter-schiede im Benutzen von Alltagsgebärden
mehr, berichtet Prof. Roland Posner, Leiter der Arbeitsstelle
für Semiotik. Allerdings gebe es deutliche Unterschiede zwischen
Frauen, die im Berufsleben stünden, und Frauen, die ausschließlich
Hausfrau und Mutter seien.
Eine Mutter wird ihren Kinder gegenüber über ihren Bauch
streichen, um so anzudeuten, daß ihr das Essen geschmeckt
hat. Eine Frau, die mit ihrem Partner ein Restaurant besucht,
wird diese Geste vermeiden. Denn mit dieser Gebärde verscheucht
sie jegliche erotischen Gefühle beim Partner.
Menschen - egal ob Männer und Frauen - benutzten im häuslichen
Bereich andere Gebärden als im Berufsalltag. Während
Gesten der Schadenfreude in der heimischen Wohnung durchaus üblich
sind, berühren sie im Berufsleben ein Tabu.
Die Wissenschaftler haben auch festgestellt, daß sich das
Verständnis der Gebärden im Lauf des Lebens verändert.
So verstehen kleine Kinder oft nicht den metaphorischen Sinn von
Gebärden, auch bei betagten Senioren nimmt der Sinn für
die Mehrdeutigkeit einer Körperbewegung ab.
Die Erforschung der Gebärden wird im Rahmen des dreijährgen
interdisziplinären Forschungsprojektes Gebärdenerkennung
mit Sensorhandschuhen von der TU finanziert. Neben dem Lexikon,
in dem ein spezielles Notationssystem für Gebärden gebraucht
wird, will die Arbeit-stelle für Semiotik auch kleine Gebärden-Sprachführer
für einzelne Länder wie Japan heraus-geben.
Posner geht davon aus, daß man mit den gewonnen Kenntnissen
die Alltagsgebärden optimieren kann. So könnte man z.B.
Aussagen durch die Kombination von Gebärden präzisieren.
Viele berufsbezogene Gebärden wie die von Kranführern
und Tauchern können durch die Untersuchungsergebnisse ebenfalls
optimiert werden. Durch neue Gebärden würde dann z.B.
die Gefahr einer Verwechslung geringer.
© Anja Schreiber -
All rights reserved ![]()