Ein Magister für deutsche Rabbiner

von Anja Schreiber

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Naziterror sind die Spuren des Holocaust in der deutschen Hochschullandschaft immer noch zu spüren. Zwar gibt es die Möglichkeit, Judaistik oder jüdische Studien zu belegen. Doch werden an diesen universitären Einrichtungen keine Rabbiner ausgebildet, wie es bei der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872-1942) oder dem Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau der Fall war.
Doch diese Zeit neigt sich dem Ende: Zum ersten Mal nach dem Holocaust wird an zwei deutschen Hochschulen eine Rabbiner-Ausbildung angeboten. Zum einen am Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam und zum anderen an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Dort wurde kürzlich speziell für diese Erweiterung des Lehrbetriebs die Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur eingerichtet.
Als "Zeichen des Vertrauens", dass jüdisches Leben in Deutschland dauerhaft zu Hause sein will, sieht Jan Mühlstein - Vorsitzender des Trägervereins des Abraham-Geiger-Kollegs - die Einrichtung des Rabbinerseminars. "Nicht-orthodoxe jüdische Gemeinden in Deutschland brauchen dringend Rabbinerinnen und Rabbiner, damit jüdisches Leben hier eine Zukunft hat." Mühlstein, der ebenfalls Vorsitzender der Union Progressiver Juden in Deutschland, Österreich und Schweiz ist, berichtet, für jüdische Gemeinden sei es kaum möglich, deutschsprachige Rabbiner zu finden. Viele der Deutsch sprechenden Rabbiner seien obendrein 70 bis 90 Jahre alt. "Die 70 jüdischen Gemeinden in Deutschland mit ihren 80.000 Juden werden von etwa 30 Rabbinern betreut", berichtet Elke-Vera Kotowski, die Sprecherin des Abraham-Geiger-Kollegs. Damit das organisatorisch überhaupt möglich wird, müssten die Geistlichen auf "Tournee" gehen.
Das Abraham-Geiger-Kolleg will an die Tradition des liberalen Judentums in Deutschland anknüpfen. Diese Tradition reicht 200 Jahre zurück und führte Neuerungen in den Gemeinden ein. So wurden Teile des Gottesdienstes in Deutsch abgehalten, Orgeln fanden ihren Platz in den Synagogen und auch über die Stellung der Frau innerhalb der Gemeinde wurde nachgedacht. Die dieser Richtung verpflichteten World Union for Progressive Judaism ist heute die größte jüdische religiöse Organisation, deren Gemeinden in 46 Ländern rund 1,5 Millionen Mitglieder zählen.
In Heidelberg dagegen ist der Rabbiner-Studiengang so konzipiert, dass er den Kandidaten die Wahl lässt, sich für eine der drei spirituellen Richtungen des Judentums zu entscheiden: der liberalen, der konservativen oder der orthodoxen Strömung.
Der fünfjährige Studiengang des Potsdamer Rabbinerseminars vereint ein fundiertes wissenschaftliches Studium mit einer speziellen praktisch-rabbinischen und seelsorgerischen Ausbildung, berichtet Kotowski. Die Studierenden nehmen z.B. an Lehrveranstaltungen des Studiengangs Jüdische Studien in Potsdam teil, aber sie besuchen auch Seminare und Vorlesungen an den Berliner Universitäten. So haben sie Zugriff auf eine ganz Fülle von thematischen Schwerpunkten wie etwa Hebräisch, Aramäisch, Bibelstudien, Talmud, Literatur des Mittelalters oder moderne hebräische Literatur. Abgeschlossen wird das universitäre Studium mit einem Magister.
Ergänzt wird dieses Lehrangebot durch rabbinische Kurse in Liturgie, Talmud, Religionsgesetze, Musik und seelsorgerische Beratung. Neben einer Stiftungsprofessur werden auch Gastdozenten aus Nordamerika und Europa das Lehrprogramm für die künftigen jüdischen Geistlichen gestalten. Das Ausbildungskonzept trägt auch den veränderten demographischen Verhältnissen in Europa Rechnung. So strömen viele Juden aus der frühen Sowjetunion nach Deutschland und werden in den jüdischen Gemeinden heimisch, weiß Kotowski. Der Lehrplan sieht deshalb den Erwerb der russischen Sprache vor.
Ein besonderes Gewicht wird auf die Auslandserfahrung der Studierenden gelegt. So soll das dritte Studienjahr in Israel verbracht werden. Auch Aufenthalte in Nordamerika und Großbritannien sind geplant, um dort andere jüdische Gemeinden und ihre Rabbiner kennen zu lernen.
Der Studiengang in Heidelberg ist anders strukturiert. Er umfasst zwei Phasen. Der erste Teil der Ausbildung wird an der Hochschule für jüdische Studien stattfinden und vier bis fünf Semester dauern. Nach der Zwischenprüfung gehen die Kandidaten an ein von ihnen gewähltes Rabbinerseminar in Amerika, Israel oder England und setzen dort ihr Studium bis zum Rabbinerdiplom fort.
Mühlstein weist auf die historische Bedeutung des Abraham-Geiger-Kollegs hin: Zum ersten Mal in Deutschland wird die Ausbildung von Rabbinern in den universitären Lehrbetrieb integriert. Bei der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (1872 bis 1942) war das noch nicht möglich. Mühlstein betont, wie wichtig der Dialog mit anderen Religionen ist. "Wir wollen in Kontakt mit der ganzen Gesellschaft sein und nicht in einer Gettogesellschaft leben."


Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und Abraham Geiger
Ein Dorn im Auge der Antisemiten: Als die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums im Jahre 1872 gegründet wurde, ging es den Gründungsvätern um die Sicherung der jüdischen Identität in Zeiten der Assimilation und Akkulturation sowie um die Erforschung des Judentums. Die kritische wissenschaftliche Sichtung der historischen Quellen sollte es den Juden ermögliche, sich nicht von ihrer Religion abwenden zu müssen, um als Deutsche anerkannt zu werden.
Eine Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen war schon früher gescheitert. Selbst zurzeit der Revolution von 1848 wurde ein Antrag zur Errichtung einer Professur für jüdische Geschichte und Literatur von den zur Begutachtung herangezogenen Berliner Professoren abgelehnt.
Der Lehrbetrieb an der Hochschule begann im Sommersemester mit zwölf Studenten und vier Dozenten, unter ihnen der Namensgeber des Potsdamer Rabbinerseminars, Abraham Geiger.
1883 wurde die Hochschule gezwungen, ihren Namen in "Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" umzuändern. Diese Namensänderung konnte erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder rückgängig gemacht werden. In der Weimarer Republik wurde der Hochschule die volle Anerkennung zugestanden.
Gleich im ersten Jahr der Machtergreifung Hitlers musste sich die Hochschule abermals in "Lehranstalt" umbenennen. Von den vier hauptamtlichen und zwei nebenamtlichen Dozenten folgten im Jahre 1934 vier einem Ruf an die Hebräische Universität Jerusalem. Nach dem Novemberpogrom 1938 konnten Auswanderungswillige auch Sprachen wie Englisch, Spanisch und Iwrith (Neu-Hebräisch) lernen. Im Jahre 1942 wurde die Hochschule gewaltsam geschlossen. Die 50.000 bis 60.000 Bücher aus der Hochschulbibliothek mussten dem Reichssicherheitshauptamt übergeben werden.


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