Gelinkte Werke

von Anja Schreiber

Umfassende Literaturrecherche, schnelle Informationsbeschaffung. Das Internet bietet für Studierende neue Möglichkeiten.  Doch zunehmend werden auch die Schattenseiten sichtbar:  Die im Netz veröffentlichten Hausarbeiten  können heruntergeladen werden, um sie dann  - etwas kosmetisch behandelt und neuformatiert - als eigenes Werk zu präsentieren
Ich fühle mich persönlich beleidigt, so beschreibt  Dr. Michael Dreyer vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Jena sein Gefühl, wenn er einen seiner Studenten als Hausarbeiten-Betrüger enttarnt. Diese Studierenden meinten wohl, dass man zu blöd wäre, um dies zu merken. Doch dieser Illusion bräuchten sie sich  nicht hinzugeben. Da das Internet auch ihm offen stehe, könne er die kopierten Arbeiten genauso schnell wie die Betrüger  finden. Dreyer kam seinem ersten Internet-Betrugsfall  leicht auf die Spur. Der Studierende lieferte eine viel bessere Arbeit ab als bei seiner bisherigen mündlichen Teilnahme zu erwarten war. Das machte Dreyer misstrauisch. Er checkte das Thema bei hausarbeiten.de ab. Und wurde fündig.
Er und seine Kollegen konnten im vergangenen Semester  vier Fälle von Internet-Betrug nachweisen. Dreyer geht aber von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.  So gehört das  Abchecken der einschlägigen Internet-Adressen, unter denen Hausarbeiten zu finden sind, inzwischen zur Routine. Allerdings hauptsächlich dann,  wenn ein Anfangsverdacht vorliegt. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand selbständig über ein  Thema schreibt, das zuvor nicht mit dem betreuenden Hochschullehrer abgesprochen war.  Ein weiteres Kriterium ist die Literaturauswahl. Wenn die in der Hausarbeit benutzte Literatur nicht vor Ort vorhanden ist, macht das Dreyer und seine Kollegen misstrauisch. Seine Erfahrung zeigt, dass aktuelle und entlegenere Themen  sich im Netz seltener finden als Klassiker. Deshalb überprüft er insbesondere Arbeiten  zu Standardthemen .
Dreyer geht von einer steigenden Zahl der Betrügereien aus. Bisheriger Höhepunkt: ein Hochschullehrer  entdeckte  von etwa 20 Hausarbeiten eines einzigen Seminars vier im Internet. Außer der Verweigerung des  Leistungsnachweises sieht Dreyer allerdings keine Sanktionsmöglichkeiten. Die von Kollegen vorgeschlagene Exmatrikulation lehnt er als unverhältnismäßig ab. Bisher bleibt dem Politikwissenschaftler nichts anderes übrig als den Studierenden Moralpredigten zu halten  und ein schlechtes Gewissen einzuimpfen, um so die Hemmschwelle zu erhöhen. Denn schließlich betrügen sich die betreffenden Studenten in erster Linie  selbst.     
Auch an anderen Universitäten ist das Problem bekannt. Der Politikwissenschaftler Markus Lang von der Technischen Universität Chemnitz berichtet, dass er bei einer Hausarbeit  eine Ahnung hatte. Daraufhin besuchte er eine einschlägige Homepage  und fand prompt die Arbeit.  Die Hausarbeit war zwar stellenweise verändert, stimmte aber  weitgehend bis in die Formulierungen hinein mit dem im Netz gefunden Text überein. Der Student bekam seinen Schein nicht. Auch Lang bemängelt die fehlende Sanktionsmöglichkeiten. Sein einziges Mittel: solche Vorfälle im Kollegenkreis weiter zu erzählen.
Doch auf die Folgenlosigkeit von Betrügereien können sich Studierende nicht verlassen. An der Freien Universität Berlin liegt jetzt ein neuer Entwurf einer Satzung für Allgemeine Prüfungsangelegenheiten vor.  Danach  kann der Prüfungsausschuss  bestimmen, dass in schwer wiegenden Betrugsfällen die Entziehung des angestrebten akademischen Grades gerechtfertigt sei.  Dies würde z.B. für Studierende gelten, die systematisch Internet-Hausarbeiten als ihre eigenen ausgeben würden, so Traugott Klose, Leiter der Abteilung Angelegenheiten von Lehre, Studium und Weiterbildung.  
Ein erster Fall von Internet-Betrug ist gerade an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität München, der größten Fakultät der Hochschule,  aufgedeckt worden. Ein Student hat offensichtlich seine Seminararbeit aus dem Internet heruntergeladen. Sein Dozent konnte ihm ebenfalls den Betrug durch eigene Internetrecherchen nachweisen. Ein Schein wird es für diese Arbeit nicht geben. Zudem wird sich nun die  betreffende Department-Leitung mit dem Fall befassen und über weitere Maßnahmen beraten.
Viele Hochschullehrer haben mit dem Internet-Betrug allerdings noch keine Erfahrung gemacht. Bei mir gibt es das überhaupt nicht, betont Germanistikprofessor  Ludwig Fischer  von der Universität Hamburg. Er habe bisher keine konkrete Anzeichen dafür gefunden, dass er auf diese Weise von seinen Studenten hinter´s Licht geführt würde. Er erinnert sich auch nicht an Gespräche im Kollegenkreis, in denen diese Problematik thematisiert wurde. Den Grund für diese erfreuliche Tatsache sieht Fischer darin, dass bei ihm - wie überhaupt in den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern - keine sich wiederholenden Themen  als Hausarbeiten vergeben würden. Auch sein Kollege, der Hamburger Politologieprofessor Hans Jürgen Kleinsteuber, ist nicht beunruhigt: Wir fühlen uns wenig bedroht durch das Netz. Er könne  zwar nicht ausschließen, dass er nicht schon über´s Ohr gehauen wurde. Allerdings hat er eine einfache Methode, dem entgegen zu wirken: er vergibt aktuelle Themen rund ums Internet.  
Der Internet-Betrug stand bisher noch nicht auf der Tagesordnung der Hochschulrektorenkonferenz. Bislang gab es aus den Mitgliedshochschulen auch noch keinen Anstoß, das Thema in den HRK-Gremien zu diskutieren, betont Susanne Schilden, Pressesprecherin der HRK. Die Regelung von Sanktionen für Betrug bei Seminar- oder Diplomarbeiten  sei Sache der Hochschulen bzw. der Fachbereiche und in den entsprechenden Prüfungsordnungen festzuschreiben.


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