Nichts ist mehr
so, wie es war!?
von Anja Schreiber
"Nichts ist mehr
so, wie es war." Ein Satz, der seit dem 11. September immer
wieder zu hören ist. Die öffentliche Meinung ist aufgepeitscht
zwischen berechtigter Sorge und Hysterie. Rasterfahndung und Terrorismusbekämpfung
sind zu allgegenwärtigen Schlagworten geworden. Der Islam
und seine Anhänger stehen zur Zeit im Fokus der öffentlichen
Betrachtung.
Doch wie schätzen islamische Studierende ihre Lage selbst
ein? Hat sich für sie nach dem 11. September etwas verändert?
Wie leben sie ihren Glauben auf dem Campus? Mit welchen Schwierigkeiten
haben sie zu kämpfen? Anja Schreiber hat sich in Berliner
Universitäten auf die Suche nach Antworten gemacht und dabei
drei Menschen islamischen Glaubens getroffen. Alle sind in ihrer
Unterschiedlichkeit vom gemeinsamen Wunsch nach gegenseitiger
Toleranz und Verständigung geprägt.
"Vor dem 11. September habe ich gar keine Ausländerfeindlichkeit
kennen gelernt", berichtet die 20-jährige Studentin
Hatice, die an der Freien Universität studiert. Danach allerdings
hat es respektlose Blicke, Gesten und Grimassen gegeben. Die junge
Frau mit dem fliederfarbenen Kopftuch passt so gar nicht in das
Klischee einer unterdrückten Muslima. Selbstbewusst analysiert
sie die Gründe, warum gerade islamische Frauen mit Anfeindungen
und Beschimpfungen konfrontiert werden: Da diese ihren Glauben
mit dem Kopftuch offen zeigen, wird ihnen schnell eine extreme
Meinung unterstellt. Einer Freundin wurde gesagt: "Ihr seid
die Schuldigen." Doch die Wirklichkeit ist ganz anders: "Ich
trage das Kopftuch nicht, weil ich eine bestimmten Partei wähle."
Dass alle in einen Topf geworfen würden, das stört Hatice
gewaltig. Sie trage das Kopftuch aus Überzeugung, weil sie
an den Koran glaube und sich nach ihm richte, auf keinen Fall,
um zu provozieren.
Von ihrem islamisch geprägten Aussehen fühlen sich einige
verunsichert. Einige Deutsche trauen sich nicht, sie anzusprechen.
Andere fragen sich: Kann die überhaupt deutsch? Natürlich
spricht Hatice deutsch. Ein perfektes Hochdeutsch. Nein, bei der
Arbeit habe sie wegen ihres Äußeren keine Probleme.
Doch das schränkt sie gleich wieder ein: Sie wollte bei einem
Arzt ein Praktikum machen. Doch der wollte, dass sie ihr Kopftuch
ablegt ... "aus hygienischen Gründen". Hatice hat
das Praktikum bei ihm nicht absolviert. Schon vorher hat sie nämlich
in einer Frauenklinik erlebt, dass ein Kopftuch im Krankenhausalltag
kein Problem darstellt.
Enttäuscht ist die junge Muslima darüber, dass es an
der Freien Universität im Gegensatz zu anderen Unis keinen
Gebetsraum gibt. So müssen sich Hatice und ihre Glaubensschwestern
jedes Mal auf´s neue auf die Suche nach einer ruhige Ecke
machen, um dort das verpflichtende fünfmalige Gebet am Tag
vollziehen zu können. "Eine Frau darf beim Gebet nicht
von einem Mann gesehen werden", betont die in Deutschland
als Kind kurdischer Eltern geborene Studentin.
Als sie von den Terrorakten des 11. September gehört hat,
war sie schockiert. "Ich habe an die viele Opfer gedacht.
Wie kann es jemand übers Herz bringen, so etwas zu tun?"
Ihrer Überzeugung nach haben diese Taten nichts mit dem Islam,
so wie sie ihn versteht, zu tun. "Im Islam sind alle Menschen
gleich." Nach dem Willen des Propheten Mohammed dürfe
niemand mit Gewalt oder Krieg zum Islam gezwungen werden.
Zwar ist für sie die Rasterfahndung kein Thema, doch macht
sich auch bei Hatice und ihrer Umgebung die Befürchtung breit,
allein aufgrund des islamischen Aussehens auf der Straße
von der Polizei angesprochen zu werden und den Pass vorzeigen
zu müssen.
Sie bedauert die Existenz von Vorurteilen gegenüber dem Islam,
z.B. dass er gegen die Frauen gerichtet sei. "Das stimmt
nicht." So gelte das Gebot, jungfräulich in die Ehe
zu gehen nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.
Auch Frauen sollen sich weiterentwickeln und studieren und nicht
dumm bleiben. "Vielleicht denkt man, dass ich langweilig,
konservativ oder öde bin." Aber sie lebt das ganz normale
Leben einer jungen Frau, hört gern laute Musik, geht ins
Kino oder trifft sich zum Kaffeetrinken.
Hatice liebt Diskussionen ... gerade mit ihren deutschen Kommilitonen.
Sie selbst nahm als Schülerin ein Jahr am katholischen Religionsunterricht
teil und fand das "sehr interessant".
Der 22-jährige Bilal H. fällt schon wegen seiner Kleidung
auf. Mit seiner mit Stickereien verzierten Kappe und seinem mittelasiatischen
Kleidungsstil hebt er sich ab von all dem Jeans- und Pullover-Allerlei.
Seit dem 11. September haben seine Eltern Angst, er könne
wegen seiner Kleidung Nachteile erleiden. Sie raten ihm, sich
"unauffällig" zu kleiden. Bilal selbst hat aber
bisher eher selten negative Erfahrungen machen müssen.
Der Student der Islamwissenschaft ist Sohn eines Deutschen und
einer Französin. Zum islamischen Glauben ist er erst vor
vier Jahren konvertiert. "Alles begann vor sieben oder acht
Jahren", berichtet Bilal. Durch einen marrokanischen Freund
lernte er die islamische Kultur und Religion kennen. Er ging mit
seinem Freund in die Moschee. "Mir hat dort die Atmosphäre
gefallen. "
Die Annäherung an den Islam passierte bei ihm - wie er berichtet
- nicht von heute auf morgen, sondern war ein "stetiger Prozess".
Seine Eltern selbst waren "nie richtig religiös".
Von seiner Großmutter wurde er katholisch geprägt.
Während seiner Schulzeit nahm er am Religionsunterricht teil,
doch hatte er ein generell distanziertes Verhältnis zur Religion.
Seine damalige Geisteshaltung bezeichnet er als Agnostiker. "Ich
war auf der Suche.".
Dass er zum Islam konvertiert ist, stößt an der Uni
- so der Student - auf Offenheit. Er und seine Eltern hingegen
waren öfter mal verschiedener Meinung, ohne dass dies allerdings
zu ernsthaften Differenzen führte. Auf Unverständnis
hingegen ist Bilal bei Deutschen gestoßen, die zu den "Tagen
der offenen Tür" in die Moscheen kamen. Da musste er
sich die Frage anhören, warum er denn zum Islam konvertiert
sei, wo er doch sonst so einen vernünftigen Eindruck mache.
Auch Bilal sucht sich in Hörsälen und Seminarräume
ein freies Plätzchen, um dort sein Gebet zu verrichten. "Bisher
habe ich es noch nie erlebt, dass mich dabei jemand gestört
hat." Mit Anfeindungen nach dem 11.September hat er selbst
keine Erfahrungen machen müssen. Allerdings beklagen viele
seine Glaubensbrüder, dass ihnen das in den Medien vermittelte
Bild über den Islam nicht gefalle. Zu oft würden muslimische
Symbole mit negativen Assoziationen verknüpft, wie beispielsweise
der Turban mit Bin Laden. Den Dialog zwischen Moslems und Nichtmuslimen
hält Bilal für besonders wichtig, um Vorurteile abzubauen.
Deshalb engagiert er sich auch in einer Gruppe, die Gespräche
mit Nichtmuslimen pflegt.
Abdul-Muhsin Alkonavi ist der Pionier der islamischen Szene an
den Berliner Universitäten. Der siebzigjährige Türke
promoviert an der Freien Universität im Fach Religionswissenschaft
und an der Humboldt-Universität im Fach Islamwissenschaft,
nachdem er an der Humboldt-Uni seinen Magister in Islamwissenschaft,
Soziologie und Psychologie abgeschlossen hatte. So ist er innerhalb
der Freien Universität schon fast so etwas wie eine lebende
Legende und eine immer wieder auftauchende Gestalt in der islamischen
Szene Berlins. In den fünfziger Jahren kam er nach Berlin,
setzte sein Studium fort, das er 1949 an der Istanbuler Universität
begonnen hat. Gemeinsam mit Glaubensbrüdern traf er sich
zum Freitagsgebet - so entstand eine islamische Studentengemeinde,
die aber anders als die evangelische oder katholische Studentengemeinde
keinen institutionellen Rückhalt hatte. Deshalb, so berichtet
Alkonavi, gründete er mit seinem Glaubensbrüdern 1967
einen Verein: den Unabhängigen Islamischen Gemeindedienst,
der sich zur Aufgabe machte, muslimische Studierende zu betreuen.
Doch das ist lang her. Inzwischen hat sich die islamische Studentenszene
sehr verändert. An der Freien Universität gibt es nach
Angaben Alkonavis keine Studentengemeinde mehr. Die evangelische
Studentengemeinde habe den Moslems zwar eine Zeit lang Obdach
geboten, damit sich die Gläubigen zum rituellen Gebet versammeln
konnten. Doch nachdem die evangelischen Studentengemeinde an der
FU sich mit der in Berlin-Mitte vereinigt hatte, bleibt den Gläubigen
nichts anderes übrig als sich immer wieder neu Räume
zu suchen und dort vereinzelt zu beten.
Von der Pressestelle der Freien Universität war bezüglich
eines Gebetsraumes für Muslime nur soviel zu erfahren: "Wir
gewähren überhaupt keiner religiösen Gruppe Räumlichkeiten",
so der stellvertretende Pressesprecher Uwe Nef. Das gehöre
nicht zu den Kernaufgabe einer Universität. An der Technische
Universität dagegen gibt es einen Gebetsraum. Auch Alkonavi
ist Mitglied eines an der TU beheimateten Vereins und geht dorthin
zum Freitagsgebet.
Alkonavi, der sich bereits in den 60er-Jahren für einen interreligiösen
Dialog zwischen Islam, Christentum und Judentum engagierte, ist
sich treu geblieben und wirbt weiterhin für Toleranz. Der
Islamwissenschaftler ist in seinem Element, wenn er über
islamische Historie reden kann. Über unerfreuliche Dinge
wie Intoleranz oder Ausländerfeindlichkeit mag der freundliche
Muslim dagegen gar nicht sprechen. Ob sich die Atmosphäre
nach dem 11.September verändert hätte und ob er Intoleranz
begegnet sei? Alkonavi lächelt, schweigt und verteilt Bonbons.
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