Die neuen Gesichter Gottes
von Anja Schreiber
Vorbei sind die Zeiten, als religiösen
Fragen noch Weltgeschichte machten. Martin Luthers Reformation
hat nicht nur eine neue Kirche begründet, sie hat die ganze
Geschichte des Abendlandes nachhaltig verändert. Doch was
damals Theologen und einfache Menschen bewegte, steht heute auch
bei Gottgläubigen nicht mehr im Mittelpunkt ihres religiösen
Lebens.
Der Gott, an den die Menschen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert
glauben, hat neue Gesichtszüge. Das belegt eine repräsentative
religionssoziologische Umfrage, die der Theologieprofessor und
Leiter des HU-Institutes für Religionssoziologie Klaus-Peter
Jörns ausgewertet hat. Die Ergebnisse finden sich in seinem
jetzt im Verlag C.H. Beck erschienen Buch Die neuen Gesichter
Gottes - Was die Menschen heute wirklich glauben.
Das Institut für Religionssoziologie hat diese Umfrage im
Juni 1992 in Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut Intersofia
durchgeführt. Insgesamt wurden 1924 ausgefüllte Fragebögen
ausgewertet. Einen besonderen Schwerpunkt bei der Befragung bildeten
die Bezirke Kreuzberg und Mitte. Doch auch den grünen Stadtteil
Wannsee sowie eine katholische und eine evangelische Gemeinde
im Hunsrück nahm das Religionssoziologische Institut unter
die Lupe. Auch Pfarrer und Pfarrerinnen der Evangelischen Kirche
in Berlin-Brandenburg wurden befragt.
Von persönlichen Fragen über Alter und Familienstand
bis hin zu religiösen Fragen über das Gottesbild haben
sich die Interviewpartner geäußert. Das Gesamtergebnis:
Nur etwa 39 Prozent der Befragten in den Berliner Stadtteilen
und Landgemeinden bezeichnet sich selbst als gottgläubig,
27 Prozent sehen sich als Atheisten und 20 Prozent sind unentschieden.
15 Prozent sind sogenannte Transzendenzgläubige. Im Gegensatz
zu den Gottgläubigen glauben sie weniger an einen persönlichen
Gott, sondern eher an eine übersinnliche Realität.
Doch auch wenn sich 39 Prozent als Gottgläubige betrachten,
hängen sie doch zum größten Teil nicht mehr an
den überlieferten christlichen Dogmen. Für nur noch
ein Viertel von ihnen ist Jesus Christus ein Name Gottes. Auch
ein Drittel der Pfarrer können dieses zentrale christliche
Dogma nicht mehr glauben. Doch wenn Jesus nicht Gott ist, gerät
auch die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ins Wanken.
Auch die traditionelle Erlösungslehre spielt bei den Gottgläubigen
nur noch eine marginale Rolle. So glauben nur noch 15 Prozent
der Befragten, daß der Tod eine Folge der Erbsünde
ist. Auch die befragten Pfarrer schließen sich in diesem
Punkt der Meinung der Gottgläubigen an: Von ihnen würden
sogar nur noch 13 Prozent diesen Glaubenssatz unterschreiben!
An der Notwendigkeit der Sündenvergebung halten immerhin
noch zwei Drittel aller Pfarrer fest, aber nur noch ein Drittel
aller Gottgläubigen. Jörns bemerkt in diesem Zusammenhang:
Da scheint eine ganze Dimension der Erlösungslehre
wegzubrechen.
Soziologisch interessant ist, daß ältere und familiär
gebunden Menschen eher an traditionellen Dogmen festhalten.
Nicht mehr der Begriff Heil beschreibt für einen
Großteil der Gottgläubigen die Beziehung zu Gott, sondern
der Begriff Geborgenheit. Auch die Bibel, die Heilige
Schrift der Christen, hat nicht mehr den Status wie vor Hunderten
von Jahren. Für nur noch ein Viertel aller Gottgläubigen
und ein gutes Drittel aller Pfarrer ist das Buch der Bücher
wirklich heilig.
Jörns stellt fest, daß das traditionell Christliche
in der Gesellschaft nicht mehr als nur noch einen Bodensatz
ausmacht.
Neben den Gottgläubigen gibt es die Gruppe der Transzendenzgläubigen.
Diese Menschen glauben an transzendente Wesen oder Mächte.
Diese Kräfte finden sich in der Natur bzw. im Kosmos. Der
Religionsstifter Buddha wird bei ihnen häufig mit positiven
Eigenschaften wie Weisheit und Toleranz in Verbindung gebracht.
In moralischen Fragen ist diese Gruppe eher tolerant. So befürworten
sie, daß auch Homosexuelle eine Ehe schließen dürfen.
Der Anteil der Singles ist bei den Transzendenzgläubigen
überrepräsentiert. Sie haben den höchsten Anteil
an Personen, die in Wohngemeinschaften leben, nämlich 18
Prozent. Außerdem sind die Transzendenzgläubigen eher
jung: Zwei Drittel von ihnen sind zwischen 16 und 34 Jahre alt.
Im Gegensatz zu den Transzendenzgläubigen haben die Atheisten
- hauptsächlich Männer - ein überwiegend positivistisches
Wissenschaftsverständnis. Mit den Gottgläubigen verbindet
sie die Hochschätzung der Ehe. Unter den Unentschiedenen
finden sich vornehmlich jüngere Menschen in Ausbildung oder
ohne Beruf.
Die Umfrage bestätigte die vorher vom Praktischen Theologen
Jörns getroffene These, daß die Lebensbeziehungen zu
Personen, zur Erde, zu Werten und Ordnungen das Gottesbild, das
Gesicht Gottes prägen.
Jörns kommt anhand der Umfrage zu dem Schluß, daß
Theologie sich mit diesen neuen Formen des Glaubens auseinandersetzen
müsse. Es gehe nicht um eine Reformation, auch nicht um eine
Rückkehr zu den jüdischen oder griechischen Wurzeln
des christlichen Glaubens, sondern um eine heute verantwortete
Revision unserer theologischen Tradition.
© Anja Schreiber -
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