Aus Heimatliebe

von Anja Schreiber

Lieber kürzer und öfter als länger und einmalig: So lässt sich ein neuer Trend bei der Stipendienvergabe der Alexander von Humboldt-Stiftung zusammenfassen. Statt eines langen Forschungsaufenthaltes werden nun kürzere mehrmalige Aufenthalte angeboten. Damit reagiert die Stiftung auf Wünsche ihrer Stipendiatinnen und Stipendiaten nach einer Flexibilisierung der Programmgestaltung.
Das neue Programm "Summer Research Fellowships for U.S. Scientists and Scholars" trägt diesem neuen Trend Rechnung. Es ermöglicht US-amerikanischen Nachwuchswissenschaftlern, innerhalb eine Zeitraums von bis zu drei Jahren für insgesamt neun bis 18 Monate in der Bundesrepublik Deutschland zu forschen. Voraussetzung ist, dass die Stipendiaten mindestens drei aufeinander folgende Monate pro Jahr in Deutschland verbringen.
Die Gründe, warum junge Wissenschaftler aus den USA solch eine Flexibilisierung wünschten, wie sie jetzt durch das neue Stipendienprogramm möglich ist, sind vielfältig: "Während eines langen Stipendienaufenthaltes in Deutschland kann der Wissenschaftler seine Netzwerke in der Heimat nicht pflegen", berichtet Dr. Katja Rampelmann, die als wissenschaftliche Referentin der Grundsatzabteilung für einige neue USA- Programminitiativen verantwortlich ist. So könnten sich die Karrierechancen bei einem einjährigen Auslandsaufenthalt verringern.
Ein weiterer Grund für die Initiierung des Programms trägt der Tatsache Rechnung, dass heutzutage auch die Ehepartner der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beruflich tätig sind und damit eine weitere Barriere für einen längeren Deutschlandaufenthalt vorliegt.
Ein Wissenschaftler, der schon jetzt von diesem Pilotprogramm profitiert, ist der Geschichtswissenschaftler Professor Dr. Kevin Repp von der US-amerikanischen Yale University, der seinen Forschungsaufenthalt an der Berliner Freien Universität zum Schreiben eines Buches über die Berliner Moderne nutzt. Dieses Stipendienprogramm sei eine "tolle Gelegenheit", da er einen längeren Auslandsaufenthalt von neun Monaten oder mehr nicht mit seiner beruflichen und privaten Situation hätte in Einklang bringen können. Durch die flexible Stipendiengestaltung war es ihm nun möglich, seinen Deutschlandaufenthalt mit seinen anderen universitären Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Es sei keineswegs selbstverständlich, so Repp, dass Frauen bei einem längerem Forschungsaufenthalt ihres Mannes mit nach Deutschland kommen würden. "Meine Frau schreibt als Theaterwissenschaftlerin selbst an ihrer Doktorarbeit. Zudem arbeitet sie noch in einem Antiquariat", berichtet Repp. Wie zukunftsweisend das neue Programm ist, zeigen auch die Reaktionen in Repps Umfeld: "Alle, denen ich davon erzähle, zeigen gleich Interesse an diesem Programm." Der Grund für das Interesse amerikanischer Forscher liegt auf der Hand so Repp: Die Vereinbarkeit von Auslandsaufenthalt und heimatlichen Verpflichtungen.
Dr. Gisela Janetzke, stellvertretende Generalsekretärin und Leiterin der Nachkontakt-Abteilung, betont, dass sich das Pilotprogramm an die veränderte Forschungs- und Lebenswirklichkeit der Stipendiaten anpasse. "Heute sind die Nachwuchswissenschaftler viel mobiler. Sie integrieren sich schneller, weil sie meistens schon Auslandserfahrungen gesammelt haben. Sie können deshalb auch schneller Forschungsergebnisse vorlegen." Künftig kann sich Frau Janetzke dieses Programm auch für Stipendiaten aus Schwellen- und Entwicklungsländern vorstellen. Denn diese Wissenschaftler müssten in der Regel ihren Lebensunterhalt durch mehrere Jobs bestreiten. Ein einjähriges Stipendium im Ausland könnte da zum Verlust anderer Jobs führen. Diese neue Programminitiative gewährleiste außerdem, dass die Wissenschaftler regelmäßig wieder nach Deutschland kommen. Und das ist schließlich das Ziel aller Bemühungen der Alexander von Humboldt-Stiftung, nämlich die lebenslange Kontaktpflege zwischen ausländischen und deutschen Wissenschaftlern.
Auch die stiftungseigene Statistik soll in Zukunft der neuen Programmentwicklung Rechnung tragen: Bisher wurde im so genannten Ranking lediglich der Hauptaufenthaltsort der Stipendiaten ausgewertet, berichtet der für die Evaluation innerhalb der Humboldt-Stiftung zuständige Dr. Wolfgang Holl. Das soll sich künftig ändern. Da die statistischen Ergebnisse des neuen Stipendienprogrammes in das Ranking miteinfließen, schlagen sich damit auch kürzere Forschungsaufenthalte nieder ... vorausgesetzt, der Stipendiat verbringt nicht die drei mal vier Monate an dem selben Forschungsinstitut, sondern wählt jeweils verschiedene Institutionen.
"Ich vermute aber, dass sich in der Statistik keine gravierenden Veränderungen einstellen werden." Die Umsetzung des neuen Programms werde sich statistisch wohl erst in zwei oder drei Jahren niederschlagen.

Weitere Infos unter:
http://www.humboldt-foundation.de/de/programme/stip_aus/tshp2.htm


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