Wissenschaftliches Lesen leicht gemacht
von Anja Schreiber
Das soll ich alles lesen? Die
erste Literaturliste im Studium - ein Schock für viele Studienanfänger.
Selbst lesehungrigen Erstsemestlern kann so die Leselust vergehen.
So schleichen sich Nachwuchswissenschaftler mit einem schlechten
Gewissen in ihr Seminar mit der bedrückenden Gewißheit,
schon wieder nur einen Bruchteil der geforderten Lektüre
gelesen zu haben.
Die Probleme rund ums wissenschaftliche Lesen sind an der Uni
kein Randphänomen. Viele Studierende werden allein gelassen
mit der wissenschaftlichen Lektüre. Sie sollen wissenschaftliche
Literatur in ihren Hausarbeiten verarbeiten, ohne vorher Grundlegendes
über den Umgang mit ihr zu lernen.
Inzwischen steigt das Problembewußtsein bei Hochschullehrern
und Studienberatern. Dr. Joachim Stary arbeitet an der Arbeitsstelle
Hochschuldidaktische Fortbildung und Beratung an der FU und weiß
um dieses Problem: Methoden wissenschaftlichen Lesens wie
etwa die biographische, ideologie-kritische, exegetische oder
werkimmanente Methode sind nicht im Schnelldurchgang oder in einer
Einführungsveranstaltung zu lernen. Er plädiert
dafür, daß sie in jedem Seminar wieder thematisiert
werden sollten. Statt dessen werde aber oft nur der Stoff
pur verhandelt. Die methodische Erschließung von Texten
bleibt meist dem Studenten selbst überlassen.
Doch was können Studis selbst tun? Zum Thema
Literaturliste hat Stary ein paar wichtige Tips parat. Der Wissenschaftler
hat 1994 eigens ein Buch über den Umgang mit wissenschaftlicher
Literatur, das im Cornelsen Verlag Scriptor erschienen ist,
verfaßt. Stary rät, die Literaturliste zuerst eines
kritischen Blickes zu würdigen. Wenn es sich lediglich um
eine Auflistung von -zig Büchern handelt, sollte
der Studi den Dozenten bitten, ihm die relevantesten
zu nennen. Wenn der Hochschullehrer dazu nicht in der Lage sein
sollte, können Studis die Liste getrost wegheften.
Seiner Meinung nach sind solche Listen kontraproduktiv, schüchtern
die Studierenden ein und produzieren Ohnmachtsgefühle.
Kommentierte Literaturlisten sind dagegen oft hilfreich. Denn
auf diesen finden sich nicht nur bibliographische Angaben, sondern
auch Informationen über den wissenschaftlichen Stellenwert
oder kurze inhaltliche Zusammenfassungen der Bücher.
Mit der Literaturliste bewaffnet, durchstreift ein Erstsemestler
die Institutsbibliothek. Sucht die Bücher im Katalog und
dann im Regal. Beginnt eifrig zu lesen. Nach ein paar Minuten
ist er entmutigt: Lese ich eigentlich wissenschaftlich?
Ein entscheidendes Merkmal wissenschaftlichen Lesens ist, mit
selbstgestellten Fragen an den Text heranzugehen. Was will
ich wissen? Was weiß ich bereits über das Thema? Welche
Fragen wirft der Text auf?
Die Fragen entscheiden auch über die Literaturauswahl. Aus
einer unüberschaubare Menge von wissenschaftlicher Literatur
sollen Studis Referate oder Hausarbeiten zimmern.
Die Zeit reicht meist nicht, jedes auf den ersten Blick relevant
erscheinende Buch intensiv zu lesen. Außerdem besteht die
Gefahr, sich zu verzetteln. Am Anfang der Lektüre heißt
die Devise: orientierendes Lesen, noch nicht intensives Lesen.
So kann sich der Leser z.B. anhand bestimmter Vokabeln zeitsparend
über den Inhalt des Textes informieren. Studierende sollten
es ruhig wagen, Bücher links liegen zu lassen, die sie für
ihr spezielles Thema nicht gebrauchen können. Das rät
Dr. Helga Knigge-Illner von der FU-Studienberatung. Sie vermittelt
in ihren Workshops über wissenschaftliches Arbeiten
auch Kenntnisse zum Thema Lesen.
Eine der bekanntesten Lesemethoden ist die sogenannte SQ3R-Methode,
die wird häufig in Workshops gelehrt wird. Das Kürzel
SQ3R steht für die fünf Einzelschritte der Methode.
Im ersten Schritt soll sich der Leser einen ersten Überblick
verschaffen, indem er z.B. das Inhaltsverzeichnis liest. Im zweiten
Schritt formuliert er Fragen an den Text. Erst jetzt wird der
Text, mit den eigenen Fragen im Hinterkopf, gelesen. Nun folgt
die intensive Nachbereitung des Lesens: Der Leser soll seine selbst
gestellten Fragen beantworten. Zum Schluß verschafft sich
der Lesende noch einmal einen Überblick über den Text
und seine Hauptideen. Für Studierende ist es hilfreich, das
Gelesene in ihr eigenes Begriffssystem zu übersetzen und
niederzuschreiben, empfiehlt die Psychologin Knigge-Illner.
Literaturwissenschaftler - was und wieviel sie lesen
Wieviel lesen Studierende der Literaturwissenschaft?
Gehören sie zu den Leserratten der Republik? An der Universität
Dortmund untersuchte der Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Eicher
das Leseverhalten von Studienanfängern der Germanistik und
sucht nach neuen Wegen der Leseförderung, wie etwa in Projekt-Seminaren.
Er befragte im vergangenen Jahr 909 Teilnehmer an Einführungsveranstaltungen
in die Literaturwissenschaft.
Als Lesestoffe bevorzugten die Befragten Tages- und Wochenzeitungen
(74,92 Prozent), doch auch das Lesen literarischer Texte kam auf
eine hohe Prozentzahl (71,4 Prozent). Germanistische Fachliteratur
gehört dagegen für die meisten Befragten nicht zu den
geliebten Lesestoffen (6,71 Prozent).
Erstaunlich gering ist das Lesepensum der angehenden Literaturwissenschaftler.
Etwa 29 Prozent aller Befragten lesen täglich zwischen 46
und 60 Minuten, aber nur etwa 18 Prozent schmöckern in diesem
Zeitraum in literarischen Texten. Der Durchschnittswert liegt
für das Lesen insgesamt bei 78 Minuten und für die Lektüre
literarischer Texte bei 43 Minuten. Eicher findet dieses Zeitbudget
zu gering. Eigentlich gehören Germanistik-Studenten
zu den Viellesern, d.h. die Hälfte des Tages sollten sie
mit Lesen verbringen, mindestens aber zwei bis drei Stunden täglich,
sagt der Dortmunder.
Große Unterschiede beim Leseverhalten gibt es zwischen einzelnen
Studienabschlüssen. Während Studierende mit dem Abschlußziel
Magister 90 Minuten lesen, beträgt die Lesezeit bei Lehramtskandidaten
für die Primarstufe gerade 62 Minuten. Davon liest diese
Gruppe nur 31 Minuten am Tag literarische Texte. Das beäugt
Eicher kritisch, denn gerade Primarstufen-Lehrer seien doch Generalisten
und sollten viel lesen, und sich nicht nur auf vorgegebene Lesebücher
beschränken.
Interview mit Lutz von Werder
Ellenlange Literaturlisten, ein enormes
Lesepensum und nach der Lektüre die dumpfe Frage: Habe ich
das überhaupt verstanden? Vielen Studierenden geht es so.
Inzwischen wächst auch bei Hochschullehrern und Studienberatern
die Erkenntnis, dass wissenschaftliches Arbeiten den Erstsemestlern
nicht in die Wiege gelegt wird, sondern der Anleitung bedarf.
Der Berliner Professor Lutz von Werder von der Alice-Salomon-Fachhochschule
kennt die Probleme der Studierenden. Seit Jahren verfasst der
Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums Literatur über
das wissenschaftliche Lesen und Schreiben.
?: Warum wird das wissenschaftliche Lesen für viele
Studierende zu einem Fallstrick?
Lutz von Werder: Unter den Studierenden herrscht häufig
Methodenlosigkeit im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur.
Es gibt zwei Extreme: Entweder die Leute ertrinken in der Literatur
oder sie greifen zu kurz und brechen die Literatursuche zu früh
ab.
?: Wie sieht denn eine sinnvolle und wissenschaftlichen
Ansprüchen genügende Literatursuche aus?
v. Werder: Zuerst sollte man Schlüsseltexte identifizieren.
Kriterien für die Suche nach solchen Texten sind z.B. wichtige
Autoren oder der Stand der wissenschaftlichen Forschung. Dazu
können Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften genauso
gehören wie Texte in Standardwerken, Lehrbüchern oder
Lexika. Sinnvoll ist es, diese auszuschlachten und sich von dort
aus weiter vorzuarbeiten.
?: Welche weitere Tipps haben Sie für Ihre Studenten
parat?
v.Werder: Auch bei der weiteren Literatursuche gilt das
Motto: reduzieren. Jedes wissenschaftliche Buch hat eine Vorder-
und Hintertreppe, anhand derer man einschätzen kann, ob sich
die Lektüre in Hinblick auf die Fragestellung lohnt. Die
Vordertreppe ist das Inhaltsverzeichnis, die Hintertreppe das
Register.
?: Gibt es zur klassischen Literatursuche in Bibliotheken
effektive Alternativen?
v. Werder: Ja, die so genannte Delphi-Methode. Man sucht
sich fünf Fachleute zu seinem Thema und konfrontiert diese
mit fünf Fragen. Die Antwort sollte pro Frage fünf Minuten
dauern. Die Fragen sind: Was sind die wichtigsten wissenschaftlichen
Erkenntnisse oder Thesen? Welche wichtigen Autoren haben sich
aktuell geäußert? Wo sehen Sie eventuell Forschungslücken?
Wann findet der nächste Forschungskongress zu diesem Thema
statt? Könnten Sie mir freundlicherweise wissenschaftliche
Sonderdrucke zur Verfügung stellen? Wenn sich Antworten viermal
überschneiden hat man eine gute Grundorientierung über
das Thema.
?: Aber lassen sich denn Spezialisten überhaupt in
die Karten schauen?
v.Werder: Die erste Wahl der Hochschullehrer ist bereit,
ihr Wissen zu teilen. Assistenten sind eher diejenigen, die nichts
rauslassen.
?: Eigentlich müsste man doch davon ausgehen können,
dass jemand, der sein Abitur in der Tasche hat, gut lesen kann?
v. Werder: Das naive Lesen ist nicht mit dem Lesen wissenschaftlicher
Literatur vergleichbar. Wissenschaftlich Lesen heißt, einen
Text mehrmals zu lesen: sich erstens einen Überblick über
ihn zu verschaffen, zweitens seine Gliederung und drittens seinen
kompletten Sinn zu verstehen.
?: Was sollten Studierende noch beim wissenschaftlichen
Lesen beachten?
v. Werder: Es ist unbedingt notwendig, die Lesefrüchte
zu sichern. Ohne eine schriftliche Fixierung vergisst man in den
ersten 10 bis 20 Minuten 80 Prozent des Gelesenen.
?: Sollte man also das Lesen und Schreiben als miteinander
zusammenhängende Arbeitsmethoden sehen?
v. Werder: So ist es. Denn wer an der Uni unter Schreibstörungen
leidet, der leidet meist auch unter Lesestörungen. Oft fehlt
es an Leseintensität oder Übung im Paraphrasieren. Eine
gute Trainingsmöglichkeit ist dagegen, viel zu lesen und
zu schreiben.
Mit der SQ3R-Methode erfolgreich
lesen
Lesen ist nicht gleich Lesen. Verschiedene
Methoden helfen Texte so zu lesen, dass sie für das Studium
fruchtbar gemacht werden können.
Ein effektiver Umgang mit Lektüre ist die SQ3R-Methode.
Das S steht für survey: Am Anfang ist es sinnvoll,
sich einen Überblick über das Buch zu verschaffen, wie
z.B. durch einen Blick auf das Vorwort oder das Inhaltsverzeichnis.
Das Q steht für question: Noch bevor die Studierenden
mit dem Lesen beginnen, sollten sie Fragen an den Text stellen:
Was erwarte ich von der Lektüre? Welchen Bezug hat er zu
dem Thema, an dem ich arbeite?
R steht für read: Erst jetzt beginnt das eigentliche
Lesen. Wichtige oder unklare Stellen sollten markiert werden.
Noch ein Tipp: Nicht zu viel auf einmal lesen!
Das zweite R steht für recite: Das gelesene wird jetzt
in eigene Worte gefasst. Wichtiges wird notiert. Die Fragen, die
man sich vor Lesebeginn gestellt hat, sollten jetzt beantwortet
werden können.
Das dritte R steht für review: Zur weitere Vertiefung
und um Unklarheiten zu beseitigen, werden einzelne Stellen nochmals
gelesen.
Literaturtipps:
Software: "Wissenschaftliches Lesen und Schreiben",
ein multimediales Lernprogramm, Schibri-Verlag, 2000, ISBN 3-933978-18-1
Buch: "Das kreative Schreiben von wissenschaftlichen Hausarbeiten
und Referaten", Schibri-Verlag 2000, ISBN 3-9333978-16-5
Wer im Netz www.asfh-berlin.de
anklickt kommt per Link auf die Seite des Hochschuldidaktischen
Zentrums. Von hier aus kann man sich die Software auch kostenlos
downloaden.
© Anja Schreiber -
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