Nur ein bisschen Apokalypse

von Anja Schreiber

Prächtiger weißgrauer Vollbart, durchdringende Augen unter buschigen Brauen Ja, so wie Kurt Allgeier könnte auch der Franzose Nostradamus ausgesehen haben. Der bekannte Münchner Astrologe hat mit Michel de Notredame aus dem 16. Jahrhundert nicht nur den Hang zur Sterndeutung gemeinsam. Er ist auch ein eifriger Interpret der düsteren und nebulösen Prophezeiungen des Renaissance-Sehers.
Eine dunkle Nostradamus-Prophezeiung, die für den Sommer 1999 einen „König des Schreckens“ ankündigt, hat zurzeit Hochkonjunktur. Allgeier - und mit ihm viele andere Interpreten - beziehen sie auf die totale Sonnenfinsternis am 11. August. Dunkle Vorahnungen von apokalyptischen Ausmaßen ranken sich um dieses Datum: Könnte ein Meteorit auf die Erde stürzen? Außerirdische auf der Erde landen? Die plutoniumbestückte Cassini-Raumsonde abstürzen? Fragen, die sich einige Sternengläubige ernsthaft stellen. In ihrer Not wenden sie sich an den agilen 70-jährigen und hoffen auf handfeste Überlebenstipps.
Sein Büro ist nüchtern eingerichtet, wenig geheimnisschwanger. Nur der Schreibtisch macht eine Ausnahme: Ein Himmelsglobus und ein in der esoterischen Szene beliebtes Salzkristalllämpchen haben ihren Platz auf dem Arbeitsplatz des Vielschreibers und Bestseller-Autors gefunden. Der Fotograf erblickt begeistert eine Kristallkugel und will sie sofort samt Allgeier auf Film bannen. Der ziert sich ein bisschen, schließlich will er ja nicht mit Wahrsagern in einen Topf geworfen werden. Der Fotograf beruhigt, die Reporterin würde das schon im Text ins rechte Licht rücken. Auf dem Schreibplatz liegen auch die aufgeschlagenen Ephemeriden - das sind Tabellen, mit denen man Planetenstände bestimmten Daten zuordnen kann. Schon Michel de Notredame aus dem 16. Jahrhundert benutzte dieses astrologische Handwerkszeug. Natürlich macht das Computerzeitalter auch vor dem Sterndeuter nicht Halt. Ein Laptop mit spezieller Astro-Software hilft dem Astrologen bei der Arbeit.
„Muss man Lebensmittelvorräte horten?“ „Muss man bestimmte Orte meiden?“ Das wollen Sternengläubige täglich von Kurt Allgeier, dem ehemaligen Chefastrologen des Blattes Astrowoche, wissen.
„Unsinn“, schüttelt der Nostradamus-Interpret den Kopf. Den besorgten Menschen die Angst zu nehmen, liegt dem Mann mit pastoraler Ausstrahlung am Herzen. Mit sonorer Stimme erzählt er sodann, dass er Ende Mai 1938 bereits eine Sonnenfinsternis miterlebt hat. „Ein schaurig schönes Naturereignis“, berichtet er. Passiert sei gar nichts.
Nahezu aufklärerisch distanziert sich der Bayer von Sektierern: Es sei eine Katastrophe, dass vor allen Dingen Sekten sich an solche Vorhersagen und Konstellationen dranhängen und Leute verunsichern. Einige erwarten, dass sie im Augenblick der Katastrophe von fliegenden Untertassen abgeholt werden. „Ich selber bin mir sehr sicher, dass am 11. August keine Katastrophe, keine große Katastrophe passieren wird.“
Doch im nächsten Augenblick konzentriert sich der Astrologe, der trotz fortgeschrittenen Alters noch voller Tatendrang ist, ganz auf die „kritischen“ Planetenkonstellationen, die diesen Sommertag überschatten werden. Denn just am 11.August gibt es mehrere Planetenkonstellationen, die aus astrologischer Sicht nichts Gutes verheißen. „Es werden Dinge begonnen oder eingeleitet, die eine große Veränderung in Zukunft bedeuten. Es wird sich einiges dramatisch zuspitzen.“ Allgeier - der einst katholischer Theologie studierte - fügt in seiner ruhigen Art hinzu: „Das sind an sich Kriegsspannungen, die wir hier haben. Es sind auch Katastrophenspannungen, die ein Erdbeben oder etwas in der Form bringen könnten.“
Mit Blick auf den Kosovo-Krieg wird er dann konkreter: „Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Krieg in irgendeiner Form wieder aufflammt“. So ganz sicher ist er sich aber nicht: „Oder an einer anderen Stelle. Oder in Israel. Oder am Golf. Oder irgendwo.“
Auf ein Datum lässt sich der freundliche Herr allerdings nicht festlegen: Das alles muss nicht am 11. August stattfinden, sondern kann acht Tage früher oder 14 Tage später sein. Schließlich seien die Konstellationen nicht nur an diesen einen Tag vorherrschend. Kurz: Allgeier hat vorausgesagt, dass innerhalb von drei Wochen irgendwas irgendwo passieren wird.
Für den 11.August rät der Astrologe: „Ich persönlich würde in diesem August nicht unbedingt in den Urlaub fahren, nicht in einen anstrengenden weiten Urlaub. Nicht weil dort eine fürchterliche Katastrophe passieren müsste. Aber es könnte sein, dass man in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wird. Es könnte sein, dass man kein Flugzeug mehr bekommt, um heim zu fliegen. Es könnte sein, dass das Wetter nicht mitspielt.“ Sein Rat: Nicht fliehen, sondern Zuversicht bewahren.
Kurt Allgeier gehört - wie es Experten nennen - zu den Ereignisastrologen, die Vorhersagen über die Zukunft machen. Im Gegensatz dazu, so der Theologe und Buchautor Siegfried Böhringer gibt es Astrologen, für die das Horoskop lediglich ein graphisch-symbolischer Ausgangspunkt für eine psychologisch-therapeutische Hilfe ist.
Lebenshilfe zu geben ... das ist auch Allgeiers Anliegen. Doch für ihn sind die Sterne nicht nur symbolischer Ausdruck menschlicher Regungen, sondern üben einen konkreten Einfluss aus. Entscheidend ist aber für ihn, wie der Mensch darauf reagiert. Die meisten seiner Kunden kommen mit Partnerschaftsproblemen zu ihm. Viele haben finanzielle und berufliche Sorgen. In einer Broschüre, in denen er die Dienstleistungen des Astroinstitutes anpreist, schreibt er: „Es gibt kein unabänderliches Schicksal. Die Sterne sind Wegweiser, keine Mächte, denen wir ausgeliefert wären. Wir können sie bewältigen.“ Berufliches Engagement zum astrologisch richtigen Zeitpunkt kann - so seine Meinung - zum gewünschten Ziel führen. „Vielen Leuten ist schon damit geholfen, dass sie mal wieder Licht sehen.“
Neben seiner astrologischen Beratertätigkeit hat sich Allgeier in das Labyrinth der Verse des Nostradamus begeben. Für den Tag der Sonnenfinsternis sah der legendäre Unheilsprophet dramatische Ereignisse voraus: „Im siebten Monat im Jahre 1999 wird vom Himmel ein großer König des Schreckens erscheinen. Er wird auferstehen lassen den König von Angoulême. Vor und nach einem Krieg wird er glücklich regieren.“ Der bayrische Ausleger kombinierte unter Zuhilfenahme weiterer Verse messerscharf: An diesem Tag soll in Frankreich ein sehr junger Mann namens Chiren an die Regierung kommen, der Europa retten wird. Wenn dies geschieht wird ein Krieg gerade zu Ende sein und ein neuer vor der Tür stehen. Dass Nostradamus vom Juli und nicht vom August schreibt, kann der Sternendeuter leicht erklären: der französische Seher habe noch nach dem julianischen Kalender gerechnet.
Allgeier ist heute ein Mann, der seine Worte genau abwägt. Das war nicht immer der Fall. Er berichtet, dass es Prominente gab, die, als er die ersten Nostradamus-Bücher 1979/80 auf den Markt brachte, ihren Bauernhof am Tegernsee verkauft haben und nach Kanada oder Australien ausgewandert sind. „Das war mir peinlich, weil ich genau das nicht wollte. “
Warum Menschen solchen Prophezeiungen - insbesondere Unheilsprophezeiungen - Glauben schenken, erklärt der Religionswissenschaftler Prof. Hartmut Zinser psychologisch: Menschen könnten so ihr individuelles Scheitern in ein gesamtes Muster einordnen. Dass bedeute „Entlastung von eigener Verantwortung“.
Freimütig räumt Allgeier ein, auch Fehler gemacht zu haben. So sagte er für das Jahr 1988 voraus: „Eine Erdbebenkatastrophe im Mai, bei dem ein vollbesetztes Stadion einstürzt, zeigt an, dass im Oktober desselben Jahres die dreitägige Sonnenfinsternis eintrifft. 72 Stunden sollen weder Sonne noch Sterne zu sehen sein.“ Aber für diese Fehlleistung hat Allgeier auch eine Erklärung parat: Nostradamus gibt nur sehr selten fixe Daten, sondern beschränkt sich meist auf Konstellationen. Diese können aber zu verschiedenen Daten auftreten. Leider habe er einfach den nächsten möglichen Termin auf die jeweilige Prophezeiung bezogen.
Bei Astronomen lösen solche Vorhersagen nur Kopfschütteln aus. Schließlich sei die Sonnenfinsternis astronomisch betrachtet nichts anderes als der monatlich wiederkehrende Neumond, so Dr. Thorsten Neckel vom Max-Planck-Institut für Astronomie. Nur deshalb, weil der Mond, von der Erde aus betrachtet, bei Neumond meist etwas über oder unter der Sonne zu stehen kommt, ist nicht jeden Monat Sonnenfinsternis. Dass bestimmte Planetenkonstellationen das Leben auf der Erde beeinflussen, ist für Astronomen nicht nachvollziehbar. Die einzigen Kräfte, die von Planeten ausgehen würden, seien lediglich Anziehungskräfte.
Derlei ficht den Nostradamus-Interpreten Allgeier nicht an. Trotz Rückschlägen, was seine Nostradamus-Interpretation angeht, macht er unverdrossen weiter. Allgeiers Glaube an die Richtigkeit seiner Interpretationen ist ungebrochen. So berichtet er, dass er 1980 den Zerfall der Sowjetunion auf Grund von Nostradamus-Prophezeiungen vorausgesagt habe. Scheinbar hat der Münchner aber vergessen, dass ihm 1981 in seinem Buch „Morgen soll es Wahrheit werden“ doch Zweifel an dieser damals verwegenen Prophetie gekommen sind: „Die oft geäußerte Behauptung, Nostradamus habe den Zerfall der Sowjetunion für das Jahr 1990 vorausgesagt, ist sicherlich falsch.“

(Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Die Woche veröffentlicht worden.)

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