Notizen fürs Ohr

von Anja Schreiber

Strenge und Noblesse. Diese Mischung strahlt das in Berlins Mitte gelegene Bundesarbeitsministerium aus. Von außen hat das ehemalige Propagandaministerium des Joseph Goebbels sein historisches Aussehen weitgehend erhalten. Doch im Innern setzte der Architekt Joseph Paul Kleihues deutlich andere Akzente. Wer über den Haupteingang an der Wilhelmstraße 49 das Gebäude betritt, steht gleich in einer neu errichteten viergeschossigen Halle, über die sich ein gläsernes Satteldach spannt. Im Gegensatz zu den weißen Wandflächen stehen die schwarzgefassten Wandöffnungen. Die strenge Kühle des Gebäudes setzt sich auch in der blauen Farbgebung des Teppichbodens fort.
Diese Strenge findet sich auch im Büro des Diplom-Politologen Tobias Martin wieder. Der blaue Teppich, die funktionale Büromöbel, weiße Wände, gleichfarbige Schränke. Wenn der 29-jährige Redenschreiber seinen Blick aus dem Fenster schweifen lässt, blickt er wieder in die viergeschossige Eingangshalle. Alles macht einen nüchtern, sachlichen Eindruck. Das von Martin mitgebrachte Bild Lyonel Feiningers mit Titel "Angler mit blauem Fisch" ist eine der wenigen Auflockerungen im nüchternen Ambiente. Ein paar Artikel und eine Postkarte mit dem abgewandelten SPD-Wahlslogan "Wir sind breit" sind am Pinnbrett zu entdecken. Doch diese bunten Akzente können den strengen Gesamteindruck nicht wirklich aufheben.
Doch wenn Martin anfängt über seinen Beruf zu berichten, dann wird schnell eins klar: Das nüchterne Ambiente steht im krassen Gegensatz zur Arbeit eines Redenschreibers, sie ist nämlich ein höchst kreativen Akt.
Denn oft überkommt dem Politologen auf dem Heimweg oder im Kino ein Gedankenblitz. Irgendeine Situation im Alltagsleben liefert ihm den passende Einstieg für eine Rede. Er hat einen Film gesehen oder ein Buch gelesen - und dieses Privatvergnügen wird zum Lieferanten für gute Ideen. Damit aus der drögen Sachinformation eine wachrüttelnde Rede wird. Als der Bundesarbeitsminister Walter Riester eine Rede zur feierlichen Eröffnung des neuen Berliner Amtssitzes hielt, benutzte er einen Verweis auf den Film "Das Leben ist eine Baustelle". Sein Redeschreiber Martin kam auf diese Idee. Immer wieder versucht er durch solche Assoziationen eine Rede lebendig zu machen. Das kann das Zitat eines berühmten Dichters sein, aber auch ein Fußballspiel. Eine tolle Idee zu haben sei ein offener Prozess, berichtet der ambitionierte junge Mann. Er könne deshalb nicht sagen, wie schwer oder leicht es ist, eine zündende Rede zu schreiben. Das hänge nicht zuletzt von der Tagesform und der Inspiration ab. Damit diese sprudelt, ist er neugierig und schaut regelmäßig über den Tellerrand des Arbeitsministeriums hinaus. Ein Mittel dazu ist die regelmäßige Zeitungslektüre: Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche.
Doch nicht nur den Politikteil oder das Feuilleton muss Martin kennen, sondern auch für den Zeitgeist offen sein. Die Frage, was die Menschen im Land bewegt, steht eben nicht immer in den Zeitungen. Das erfuhr er vor kurzen in seinem Urlaub im Thüringer Wald. Er wurde auf Günther Jauchs Quizshow "Wer wird Millionär?" angesprochen und er kannte sie nicht. "So was darf in Zukunft nicht mehr an mir vorbeigehen", sagt der Redenschreiber selbstkritisch. Denn er ist sich sicher, dass er den Bezug zu dieser Show irgendwann einmal in eine Rede einbauen kann.
Auch der Gang aus dem Ministerium heraus ist für Martin wichtig. Trotz der guten Kantine geht er in der Mittagspause raus und holt sich sein Mittagessen an der Wilhelmstraße. Hinter den Plattenbauten nimmt er dann auf einer Bank mit Blick ins Grüne Platz.
"Redenschreiben ist die Arbeit mit der Sprache", betont Martin. In diesem Punkt sei seine Arbeit mit der eines Journalisten sehr vergleichbar. Denn man brauche für diesen Beruf Sensibilität und Offenheit der Sprache gegenüber. So gehört für den jungen Redenschreiber auch der "Spaß", mit Sprache zu arbeiten, einfach dazu. "Die Arbeit mit der Sprache" ist auch eine wichtige Motivation für seinen Beruf. Deshalb stört es ihn auch nicht, dass seine Rede ein anderer hält. "Ich vermisse es nicht, dass mein Name auftaucht", berichtet Martin. Ganz im Gegenteil: der Redenschreiber kommt bei der Beschreibung seines Berufes ins Schwärmen: "Ein toller Beruf." Wie sich die weitergehende Karriere gestalten soll, ist für ihn offen. "Als Politologe gibt es keinen klassischen Weg". Man sei eben mit diesem Studium vielfältig einsetzbar.
Ihm geht es bei seiner Arbeit nicht um Selbstdarstellung, sondern um die Serviceleistung für den Redner. Er liefert, so beschreibt Martin seine Tätigkeit, ein Angebot für den Redner. Der Alltag im Ministerium läuft aber keineswegs so ab, dass Martin bei jeder Rede vom Minister höchstpersönlich erfährt, was dieser in der Rede lesen will. "Natürlich gibt es auch Vorbesprechungen, in denen ich erfahre , dass dieses oder jenes rein soll." Doch in der Regel bleibt es seiner Kreativität aber auch Sensibilität überlassen, was in dem Redeentwurf drinsteht.
Wie ernst der Politologe das Wörtchen Service nimmt, zeigt sich auch an Kleinigkeiten. Im Manuskript weist er den Redner daraufhin, wie ein komplizierte Name ausgesprochen wird. Durch Fettgedrucktes wird der Text übersichtlicher. Der Redner kann also auch frei reden und hat doch immer noch die Möglichkeit, das Manuskript als Gliederung für seine Rede zu nutzen.
Die Affinität zu Sprache und Kommunikation zieht sich durch das bisherige Leben des jungen Redenschreibers wie ein roter Faden. Er arbeitete bei der Schülerzeitung seiner Schule und seiner Stadt mit. Gegen Ende seiner Schulzeit schrieb er als freier Mitarbeiter für den Wiesbadener Kurier. Auch während seines Zivildienstes ließ er nicht vom Journalismus ab und arbeitete wieder frei. Diesmal für das Traunsteiner Wochenblatt.
Als er dann 1994 mit seinem Politologie-Studium in an der Freien Universität begann, verlor er diese praktische berufliche Tätigkeit nicht aus den Augen. So folgte ein Praktikum und eine freie Mitarbeit bei der Berliner Morgenpost. Auch die Redaktion der Deutsche Presseagentur (dpa) und der Frankfurter Rundschau hat er als Praktikant von innen gesehen.
Doch der damalige Student wollte auch "die andere Seite" kennen lernen, nämlich die politische Arbeit. Als er das berühmte Nacktplakat des Berliner Bundestagsabgeordneten Thomas Krüger sah, stand sein Entschluss fest: Er wollte der Mitarbeiter Krügers werden. Und so kam es dann auch: Von 1995 bis 1998 verfasste er für den Abgeordneten unter anderem Presseerklärungen und Namensbeiträge, was bis heute zu seinem Aufgabengebiet gehört. Das sind Artikel, die mit dem Namen des Politikers versehen in verschiedenen Publikationen, zum Beispiel Parteizeitungen, abgedruckt werden. Der Schreibende legt diesen Artikelentwurf dem Politiker vor, der diesen dann noch verändert oder autorisiert.
Trotz dieser vielfältigen Erfahrung hatte Martin immer noch das Gefühl, dass ihm etwas fehle, nämlich das Hereinschnuppern in den PR-Bereich. Deshalb machte er auch ein Praktikum in der Unternehmenskommunikation des SiemensForums in Berlin. "Für mich war es wichtig, auch in die Wirtschaft hereingeschaut zu haben", berichtet er. Er habe durch das Erleben der drei Bereiche: Journalismus, politische und wirtschaftliche Öffentlichkeitsarbeit eine "starke Orientierung" bekommen. Das war seiner Meinung nach auch bitter nötig, "denn ein Politologie-Diplom ist vermeintlich für alles und nichts nützlich." Doch diesen Mangel glich Martin durch Praktika und Mitarbeit wieder aus.
Als sich dann seine Studium dem Ende näherte, bewarb er sich bei der SPD-Fraktion und wurde schließlich 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Bundestagsabgeordneten Rudolf Dreßler. Auch hier verfasste er wieder so genannte Namensartikel. Er entwickelte eine Homepage. Zu seinen neuen Aufgaben gehörte nun auch das Redenschreiben. Als es absehbar wurde, dass Dreßler Botschafter in Israel wurde, bekam er einen Anruf, ob er sich vorstellen könnte, Redenschreiber im Arbeitsministerium zu werden. Er bewarb sich und bekam die Stelle.
Heute beginnt sein Arbeitsalltag in der Regel um neun Uhr und endet um 18 Uhr. In der ersten halben Stunde steht das Lesen des Pressespiegels auf dem Programm. In dem dicken Papierstapel befinden sich alle Artikel, die zu ministeriumsrelevanten Themen am selben Tag in der Presse erschienen sind.
Dann trifft sich Martin mit seinen zwei Kollegen zu einer Lagebesprechung. Hier werden die so genannten Anforderungen - die Redeaufträge - verteilt. Jeder erfährt vom anderen, an welchen Auftrag er gerade sitzt oder wer noch Kapazitäten frei hat. "Es gibt keine Zuordnung eines Redenschreibers zu einem Redner. Jeder muss zu jedem Thema für jeden Redner schreiben können", berichtet Martin. Er und seine Kollegen verfassen für den Minister Riester und seine vier Staatssekretäre Manuskripte.
Natürlich hat Martin auch ein Lieblingsthema: das Betriebsverfassungsgesetz, das er nicht als dröge sondern gerade als hochaktuell einstuft, wenn er die Entwicklung in der New Economy betrachtet: "Das Betriebsverfassungsgesetz verwirklicht eigentlich das, was auch die New Economy will, nämlich Mitbestimmung und Mitverantwortung der Arbeitnehmer. Aber eben nicht als unverbindliche Zusage, sondern als verbrieftes Recht."
Nach der Lagebesprechung ist der Politologe fast immer in seinem Büro zu finden. Etwa vier Reden schreibt er durchschnittlich pro Woche. Wieviel Arbeit sich auf seinem Schreibtisch türmt, ist von Tag zu Tag verschieden. Das sei zum Beispiel davon abhängig, ob der Bundestag gerade eine Sitzungswoche habe. Über die Frage, wieviel Zeit er zum Verfassen einer Rede habe, kann er nur milde lächeln. Manchmal muss ein Redebeitrag binnen weniger Stunden aus dem Boden gestampft werden, manchmal er kann er zwei Wochen lang reifen.
Durchschnittlich einmal im Monat begleitet er einen seiner fünf Redner auf eine Veranstaltung und hört sich an, was der Redner aus seinem Entwurf macht. Meist sitzt er dann unscheinbar in der letzten Reihe. Er beobachtet den Redner, notiert, wie weit sich der Redner an seinem Manuskript orientiert und was er ganz anders vorbringt. An welcher Stelle des Manuskripts er die Stirn runzelt und an welcher das Publikum Beifall spendet. Wenn seine Redner vor dem Plenum des Bundestages reden, verfolgt er das natürlich auch - vor dem Fernseher. Wenn Martin eine Rede verfolgt, studiert er genau die Gewohnheiten seines Redners. Liebt er Füllwörter? Welche Satzkonstruktionen bevorzugt er? Welche Motive und Bilder, die sich in dem Manuskript finden, macht er sich zu eigen? Wie argumentiert er? Die Erkenntnisse aus dieser genauen Beobachtung helfen Martin, bei der nächsten Rede zum gleichen Thema noch besser auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Redenden einzugehen. Auch das versteht der Politologe unter Service. Hin und wieder schreibt er zu den Reden auch passende Presserkärungen, die wichtige Kernaussagen der Reden beinhalten.
Zu seiner Arbeit gehört auch das Verfassen von Namensbeiträgen. Etwa ein bis zwei Artikel verfasst er in der Woche. Diese werden zum Beispiel in Mitarbeiterzeitungen oder Gewerkschaftszeitungen abgedruckt. Auch das Schreiben von Grußworten für unterschiedlichen Publikationen gehört dazu. Ein Heimspiel für einen, der intensiv in den Journalismus hineingeschnuppert hat.
Den Rohstoff für seine Manuskripte holt sich der Redenschreiber aus den Fachabteilungen. "Die Zusammenarbeit mit diesen Abteilungen ist sehr gut", berichtet Martin. Seine Aufgabe sei es, dieses Fachwissen so zu übersetzen, das es verständlich werde. Seine Vorbildung im Journalismus komme ihn dabei zu Gute. Denn - ähnlich wie ein Journalist - muss er Fachbegriffe übersetzen. Auch verschachtelte und komplizierte Sätze dürfen nicht sein. In der Regel bekommt er aus den Fachreferaten einen ersten Redeentwurf.. Neben den Informationen soll auch noch ein gelungener Ein- und Ausstieg die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf sich ziehen. Das heißt: Verknappen und Kürzen, auf wichtige Kernaussagen zuspitzen. Martin weiß, dass nur ein Bruchteil beim Zuhörer hängen bleibt. Deshalb sei es umso wichtiger, die Kernaussagen gut zu platzieren.
Eine wichtige Frage, die sich ein guter Redenschreiber in diesem Zusammenhang stellt: An wen richtet sich die Rede? Es macht einen Unterschied, ob der Minister vor Gewerkschaftern oder Arbeitgebern über das Thema Betriebsverfassung redet. "Jede Zielgruppe hat eine andere Erwartung." Aus diesem Grund muss der Politikwissenschaftler nicht nur den fachlichen Inhalt der Rede recherchieren, sondern auch die Rahmenbedingungen, unter denen die Rede gehalten wird. Wer sitzt im Publikum? Um was für eine Veranstaltung handelt es sich? Ist sie in einem geschlossenen Raum oder im Freien? An welchen Punkt der Veranstaltung spricht der Redner? An welchem Ort findet die Rede statt? Die Antworten auf alle diese Fragen haben Auswirkungen auf die Rede. So wird ein Redner, vor dem schon andere Personen das Wort ergriffen haben, auf diese Redebeiträge eingehen und sich nicht starr an das Manuskript halten. Im Bundestag kommt es auf die Fakten an, während zum Beispiel bei einer Ordensverleihung schon eher die feuilletonistische Feder gefordert ist.
Um einen packenden Einstieg zu schreiben gebraucht Martin oft Zitate, historische oder lokalpolitische Daten. Fand in der letzten Zeit in dieser Region eine Ausstellung oder ein wichtiges Sportereignis statt? Kommt eine bedeutende historische Persönlichkeit aus dem Ort, an dem nun die Rede gehalten wird? Auch diese Fakten muss der Redenschreiber recherchieren, ob nun in Standardwerken oder im Internet. Auch klassische Zitatsammlungen oder Geschichtslexika helfen dem Redner beim Schreiben des Einstiegs. Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel ist zum Beispiel ein Lateinwörterbuch, denn eine Rede soll ja nicht nur unterhalten sondern auch erklären. Was Martin nicht weiß, das schlägt er nach.
"Das Schreiben einer Rede ist ein dynamischer Prozess", beschreibt Martin. Mit dem eigentlichen Verfassen ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Deshalb geben sich die Redenschreiber häufig ihre frisch verfassten Manuskripte noch mal zum Lesen. Denn schließlich hat jemand, der nicht so in den Text involviert ist wie der Schreiber selbst, auf den Text noch den notwendigen distanziert-kritischen Blick. Martin ist das Feedback seiner Kollegen wichtig. Denn meistens wird der Text durch die Bearbeitung noch besser.
In jedem Fall geht das fertige Redemanuskript über den Tisch des Referatsleiters Presse/Reden, der die Rede autorisieren muss, bevor sie beim Bürochef des jeweiligen Redners landet. Auch von ihm wird die Rede nochmal gegengelesen und auf eventuelle Schwachstellen hin überprüft und verändert. Schließlich liest der Redner das Manuskript und entscheidet, wie sehr er sich an den Entwurf halten will.
Wenn der Politikwissenschaftler seinen Redner auf eine Veranstaltung begleitet, tauscht er sich auch mit ihm über die Rede aus. "Für eine effizienten Austausch reicht schon eine Minute", berichtet Martin. Eine stundenlange Diskussion über das Redemanuskript ist angesichts der knappen Zeitressourcen des Ministers und der Staatsekretäre undenkbar. Martin berichtet, dass es nicht ritualisiert sei, wie oft die Redner und ihre Redenschreiber zum Austausch zusammenkommen.
Wieder bleibt es der Kreativität und der Sensibilität des Politikwissenschaftlers überlassen, mit Hilfe der knappen Bemerkungen seine Fähigkeiten auszubauen und sie Gewinn bringend in seinen Schreibprozess mit einzubauen. Natürlich liest Martin auch andere Reden, zum Beispiel die inzwischen berühmten Berliner Reden, aber auch die Reden des Bundeskanzlers und anderer Minister. Aber auch Klassiker gehören zu seiner Lektüre wie die Reden von Willy Brandt oder Thomas Mann. Auch von Redesammlungen lässt er sich inspirieren. Doch so klassisch oder schöngeistig seine Vorbilder sind, eines hat er immer im Blick: die Serviceleistung für seinen Redner - und der werden auch eigene Ambitionen untergeordnet.


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