Wenn nichts mehr geht
Tipps zum wissenschaftlichen Schreiben
von Anja Schreiber
Das schaffe ich nie!,
dachte die Studentin Viola K. Sie mußte noch drei Hausarbeiten
schreiben, um die letzten drei Scheine im Studium zu erwerben.
Der Hintergrund ihrer Ängste: Eine Professorin hatte
mich wegen einer Hausarbeit total runtergemacht. Sie konnte gar
nicht verstehen, daß ich ein Stipendium hatte und zog über
meine Arbeit her. Das Resultat war erschreckend: Viola traute
sich nichts mehr zu, obwohl sie zuvor im Studium gute Leistungen
erbracht hatte.
Violas Leidensdruck wurde in einem Workshop gegen Schreibhemmungen
beendet. Bei der Veranstaltung der FU-Studienberatung lernte Viola
Gleichgesinnte kennen, die ähnliche Probleme hatten. In
dem Workshop lernte ich verschiedene Techniken, die mir halfen,
meine Schreibhemmungen zu überwinden, sagt Viola.
Etwa 20 Prozent der Studenten scheitern im Studium am Schreiben,
betont Professor Lutz von Werder vom Hochschuldidaktischen Zentrum
an der Alice-Salomon-Fachhochschule. Viele schieben ihre
Arbeitsprobleme und Schreibängste vor sich her, bis das Schreiben
der Abschlußarbeit ansteht, erklärt die Diplom-Psychologin
Edith Püschel. Sie veranstaltet regelmäßig Schreibworkshops
an der FU. Ein großes Problem ist, daß viele
Studenten unrealistisch hohe Ansprüche an sich haben,
berichtet sie aus ihrer Praxis. Das kann auch Viola K. bestätigen:
Ich habe vor dem Workshop immer gedacht, daß mir die
Texte einfach so aus der Feder fließen müssen. Jeder
Satz, den ich schrieb, sollte gleich druckreif sein. Sie
wollte gleich große Forschungsleistungen erbringen. Erst
in der Veranstaltung bei Edith Püschel erkannte sie, daß
das Schreiben ein Handwerk ist, das Schritt für Schritt gelernt
sein will.
In den USA sind sogenannte ´writing-labs´ verbreitet.
Die gehören für die amerikanischen Hochschule zum selbstverständlichen
Serviceangebot, sagt Püschel. Auch in Berlin ist die
Nachfrage nach solchen Veranstaltungen größer als das
derzeitige Angebot: Zur Zeit gibt es in jedem Semester etwa
zwölf Kurse. Wenn es nach den Interessenten geht, könnten
wir allerdings zwei- bis dreimal so viele Kurse anbieten.
Die Studienberatung will ein Schreiblabor einrichten.
Die Anträge für Mittel aus dem Hochschulsonderprogramm
III von Bund und Ländern seien gestellt. Noch
warten wir auf die Entscheidung, sagt Hans-Werner Rückert,
Leiter der FU-Studienberatung.
Püschel: Im Rahmen dieses ´Schreiblabors´
sollen feste Sprechzeiten für Ratsuchende eingerichtet werden.
Außerdem sind semesterbegleitende Veranstaltungen in Kooperation
mit den einzelnen Fachbereichen vorgesehen. Auch mit Multiplikatoren
wie etwa Dozenten und Tutoren will das ´Schreiblabor´
zusammenarbeiten, so daß die Betreuung wissenschaftlicher
Arbeiten der Studenten verbessert wird.
Ein weiteres Angebot soll die Publikationsberatung sein. Wir
wollen ein Serviceangebot für junge Wissenschaftler einrichten,
das gezielt über nationale und internationale Publikationsorgane
sowie Gestaltungsrichtlinien informiert, erklärt Püschel.
Wir bieten Einzelgespäche an, in denen wir Studierende
mit Schreibängsten beraten, sagt Barbara Schulte-Steinicke,
Mitarbeiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums an der Alice-Salomon-Fachhochschule.
Die Hochschulen würden sich nicht genug um die Schreibausbildung
der Studenten kümmern. Viele Studenten sind auch in
formalen Dingen nicht geschult. Das Thema wissenschaftliches
Schreiben sollte mehr Gegenstand der Forschung seien, fordert
die Diplom-Psychologin. Sie versucht den Studenten zu vermitteln,
wie wichtig realistische Zeitplanung, Entspannungstraining und
effektive Arbeitsmethoden für das Verfassen wissenschaftlicher
Arbeiten sind.
Methodisch gegen Schreibblockden
"Schreiben lernt man durch Schreiben".
Dieser Überzeugung ist Professor Lutz von Werder, der an
der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin lehrt. Er ist ein bekannter
Autor verschiedener Bücher zum Thema wissenschaftliches und
kreatives Schreiben. Er verrät in seinen Schriften Studienanfängern
und Studenten mit und ohne Schreibhemmungen, mit welchen Methoden
man wissenschaftliches Schreiben lernt.
Die beste Form, mit dieser Art von Schreiben zu beginnen, sei
das Führen eines wissenschaftlichen Journals, so von Werder.
"Dieses Journal ist ein Studienbegleiter, in dem man alle
Fragen, Erfahrungen und Gedanken niederschreibt. Es ist auch eine
Klagemauer." Solch ein Journal hätten große Wissenschaftler
wie Charles Darwin und Albert Einstein geführt. Professor
von Werder rät: Das Journal in zwei Sektionen unterteilen,
eine für Persönliches und eine für Wissenschaftliches.
"Wichtig im Studium ist, möglichst viel zu schreiben,
ob zu Hause oder in der Bibliothek."
Denn die meisten Schreibblöcke entstehen, weil der Schreiber
viel zu selten zur Feder oder Tastatur greift. Lutz von Werder
rät: "Jeden Tag wenigstens eine Zeile schreiben. Damit
wird das Schreiben zu einer alltäglichen Sache, die immer
wieder gelingt." In diesem Fall stimmt die verstaubte Volksweisheit:
Wer rastet, rostet.
Ein überzogener Anspruch an sich selber ist ein weiteres
Grundübel, das vielen Studierenden das Verfassen von Texten
zur Qual macht. Jeder Satz muss druckfertig und eigentlich schon
preisverdächtig sein. Kein Wunder, dass die Hürden hoch
sind, mit dem Schreiben überhaupt anzufangen. Vielmehr sollte
sich der Schreiberling denken: Ich darf zuerst ganz schlecht schreiben,
mit einem ganz niedrigen Anspruch an mich selbst.
Viele Übungen können helfen, diesen inneren Zensor abzuschalten.
Eine davon ist das so genannte Schnell-Schreiben. Lutz von Werder:
"Je schneller Sie schreiben, um so weniger kontrollieren
Sie sich." Es geht nicht darum, über den bereits vorhandenen
Text nachzudenken oder Schreibfehler zu korrigieren, sondern darum,
einfach nur die Worte fließen zu lassen. Beim Schreiben
sollten Studierende nicht darauf achten, wie lang der fertige
Text seien soll. Sinnvoll ist es, alles an Information herunterzuschreiben,
was einem in den Sinn kommt.
Die Methode kann man mit einer anderen verbinden, nämlich
"mit Überzeugung schreiben". Viele Studis kennen
das Phänomen, lieber zitieren zu wollen als selbst eine Meinung
zu formulieren. Aber genau das ängstliche Festhalten an Zitaten
kann einen Schreibblock erst hervorrufen. Wie wär´s
denn damit, die eigene Meinung und Argumentation niederzuschreiben?
Oft hat sich der Studierende bereits ein ungeheure Datenbasis
angelesen. Doch nun soll diese zu Papier gebracht werden. Eine
sehr einfache und effektive Methode, den Arbeitsbeginn nicht zum
Fehlstart werden zu lassen, ist das so genannte Free-Writing.
Die Methode des Schnell-Schreibens und des Free-Writings haben
den gleichen Ansatz: Der Schreiber soll nicht nachdenken, sondern
schreiben. Und zwar nicht mit einer Zwangsjacke, die auf bestimmte
Ideen und Argumente einengt. Lutz von Werder: "Motivieren
Sie sich fünf Minuten, ohne Halt zu schreiben. Wenn Ihnen
nichts einfällt, schreiben Sie über Ihren Schreibblock.
Das Ziel von ´Free-Writing´ ist der Prozeß,
nicht das Produkt."
Erst wenn die fünf Minuten um sind, darf der Schreibende
feststellen, zu welchem Thema er geschrieben hat. Über dieses
Thema sollte er dann noch mal fünf Minuten schreiben. Aus
diesem Text heraus extrahiert er dann zwei Hauptthesen.
Eine weitere Methode, um den Einstieg in ein Thema leichter zu
gestalten und so das Schreiben optimal vorzubereiten, ist das
Clustering. Bei dieser Methode geht es um die Visualisierung von
Gedanken. Von einem Thema ausgehend sollte der Student einen Kernbegriff
auf ein leeres Blatt Papier schreiben, einkreisen, seine Augen
schließen und auf Einfälle zum Begriff warten. All
diese Gedankenblitze sollte er ebenfalls aufschreiben, umkreisen
und je nach Assoziationskette miteinander verbinden. Wenn ihm
nichts mehr einfällt, dann ist es Zeit, aus dem Cluster einen
kleinen Text zu machen.
Das Mindmapping hat große Ähnlichkeiten mit dem Clustering.
Auch hier steht am Anfang ein leeres Blatt Papier mit einem zentralen
Begriff in der Mitte. Ging es beim Clustering um eine erste Orientierung,
so sollen beim Mindmapping Informationen, Begriffe und Einfälle
zueinander in Beziehung gesetzt werden. Es gibt zwei unterschiedliche
Möglichkeiten mit dem Mindmap zu arbeiten. Man kann nach
Lust und Laune alle relevanten Gedanken und Begriffe auf dem Blatt
platzieren. Oder der Schreibende erarbeitet sich ein systematisches
Mindmap. Er könnte z.B. die fünf wichtigsten Gedanken
zum Thema rund um den zentralen Begriff schreiben und zwar im
Uhrzeigersinn. Diese fünf Hauptgedanken - graphisch als Hauptäste
sichtbar - können durch weitere Assoziationen in Form von
Verzweigungen ergänzt werden. Auch hier ist der nächste
Schritt die Verschriftlichung.
Interviw mit Prof.
Lutz von Werder
Alles soll man können,
aber beigebracht wird einem nichts. Das ist die Erfahrung vieler
Studienanfänger an deutschen Universitäten. Von einem
Tag auf den anderen sollen sie Referate halten, Protokolle verfassen
und wissenschaftliche Hausarbeiten schreiben. Doch nur einige
Professoren bringen ihren Studenten bei, wie man diese Aufgaben
bewältigt.
Der Berliner Professor Lutz von Werder von der Alice-Salomon-Fachhochschule
bemüht sich seit Jahren, seinen Studenten Know-how auf dem
Gebiet des wissenschaftlichen Schreibens und Lesens zu vermitteln.
Der bekannte Autor von Schreibratgebern hat auch ein multimediales
Lernprogramm auf den Markt gebracht.
?: Wie viele Studierende haben eigentlich Probleme mit
dem wissenschaftlichen Schreiben?
v. Werder: Laut einer Umfrage des Studentenwerks aus dem
Jahre 1999 haben 20 Prozent keine Probleme mit dem wissenschaftlichen
Schreiben. 60 Prozent wurschteln sich trotz Problemen so gut es
eben geht durch. Das Studium wird auf Grund dieser Schwierigkeiten
länger. 20 Prozent scheitern am Schreiben.
?: Und doch wird von den meisten Professoren vorausgesetzt,
dass die Studierenden das wissenschaftliche Schreiben beherrschen.
v. Werder: Ja, das ist die Diktatur der 20 Prozent Schreibkundigen
über die 80 Prozent Schreibgestörten. An den Hochschulen
herrscht immer noch eine Einschüchterungs- und Bluffkultur.
Der Schreibprozess als solcher ist kein Forschungsthema. Aber
wir brauchen eine aufgeschlossene Kultur, in der man offen über
das Schreiben sprechen kann.
?: Welche anderen Rahmenbedingungen außer dem Unibluff
verstärken Schreibprobleme?
v. Werder: Einerseits wird die Schreibleistung der Studierenden
immer schlechter, was auch mit der Nutzung des Fernsehens zu tun
hat, andererseits gibt es eine enorme Expansion von Daten durch
Internet und digitale Datenbanken. Es wird also immer wichtiger,
eine effektive Methode der Datenauswertung auf ein fokussiertes
Thema hin zu finden. Dazu kommt noch, das viele das Studium nur
noch als nebenberufliche Tätigkeit neben Job und Familie
ausüben können.
?: Gibt es auch von Seiten der Bildungspolitik Versäumnisse,
die das Problem verschärfen?
v. Werder: Ja, der Rückgang der Hochschullehrer und
die Zunahme an Studierenden. Während 1970 noch 67.000 Professoren
auf 900.000 Studierende kamen, sind heute 63.000 Professoren für
zwei Millionen Studenten zuständig. Außerdem veraltet
der Lehrkörper rein physisch.
?: Welche Lösungen gibt es für dieses Problem?
v. Werder: Wir brauchen ein Tutorensystem, das die Betreuung
studentischer Gruppen übernimmt. Auch ein hochschuldidaktisches
Training für Professoren ist sinnvoll. In Zukunft sollte
kein Hochschullehrer mehr auf die Studenten losgelassen werden,
der nicht einen gewissen didaktischen Standard erfüllt.
?: Was kann der einzelne Studi tun, um seine Schreibfähigkeit
auf Vordermann zu bringen?
v. Werder: Ich empfehle ein wissenschaftliches Journal
zu führen. In den USA schreiben etwa 80 Prozent ein solches
Tagebuch, in dem sie Kritik und Gedanken zu im Studium behandelten
Themen niederlegen. Im ersten und zweiten Semester kann man dort
ganz unstrukturiert alles hineinschreiben, was interessant ist.
Am Ende des Semesters sollte der Studierende alles durchlesen
und eine Zusammenfassung schreiben. Vom dritten bis zum siebenten
Semester ist es sinnvoll, ein strukturiertes Journal zu führen.
In den späteren Semestern sollte das wissenschaftliche Journal
die Abschlussarbeit begleiten. ?: Was ist der große
Vorteil eines solchen Journals?
v. Werder: Ein wissenschaftliches Journal ist eine Methode
des Selbstcoaching. Durch die Lektüre dieses Tagebuches weiß
ich, bei welchen Themen ich stark oder schwach bin. So kann ich
mich im wissenschaftlichen Dschungel orientieren und leichter
meine eigenen Schwerpunkte finden.
Literaturtipps:
Karl-Dieter Bünting:
Schreiben im Studium. Ein Trainingsprogramm. Mitarbeit: Axel Bitterlich,
Ulrike Pospiech. Cornelsen-Scriptor Verlag, Berlin/Frankfurt a.M.
1996.
Horst Kretschmer/Joachim Stary: Umgang mit wissenschaftlicher
Literatur. Eine Arbeitshilfe für das sozial- und geisteswissenschaftliche
Studium. Cornelsen-Scriptor Verlag, Berlin/Frankfurt a.M. 1994.
Otto Kruse: Keine Angst vor dem leeren Blatt. Campus Verlag, Frankfurt
a.M./ New York 1995.
Barbara Schulte-Steinicke: Entspannung, wissenschaftliches Schreiben
und NLP - Ein kreativer Übungsleitfaden für Frauen an
Hochschulen. Schibri-Verlag, Berlin/Milow 1996.
Lutz von Werder: Lehrbuch des wissenschaftlichen Schreibens. Ein
Übungsbuch für die Praxis. Schibri-Verlag, Berlin/Milow
1993.
Lutz von Werder: Kreatives Schreiben in den Wissenschaften. Für
Hochschule, Schule und Erwachsenenbildung. Schibri-Verlag, Berlin/Milow
1992.
Lutz von Werder: Grundkurs des wissenschaftlichen Schreibens.
Schibri-Verlag, Berlin/Milow 1995
"Wissenschaftliches Lesen und Schreiben", ein multimediales
Lernprogramm, Schibri-Verlag, 2000, ISBN 3-933978-18-1
"Das kreative Schreiben von wissenschaftlichen Hausarbeiten
und Referaten", Schibri-Verlag 2000, ISBN 3-9333978-16-5
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