Virtueller Trost
von Anja Schreiber
In den virtuellen Welten des Internet ist
der Surfer mit sich und seinem Computer zwar allein, doch nicht
unbedingt einsam. Die digitale Welt des Datenaustausches eröffnet
die Möglichkeit, anonym mit einem Seelsorger in Kontakt zu
treten. Per elektronischer Post können Internetnutzer sich
ihre persönlichen Probleme von der Seele schreiben oder religiöse
Fragen stellen.
Einzelne Landeskirchen und kirchliche Einrichtungen bieten Internet-Seelsorge
an: Die Telefonseelsorge ist ebenso im Netz aktiv wie die bayerische
Landeskirche. Offiziell gibt es Online-Pfarrer nur in drei
oder vier Landeskirchen. Der Rest macht das mehr oder weniger
privat oder auf eigene Rechnung. Und darüber hat eigentlich
niemand Überblick, meint Experte Matthias Schnell,
Leiter der Arbeitsstelle Internet beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen
Publizistik.
Der Vorreiter in Sachen Internet war die bayerische Landeskirche:
Ihr Seelsorge-Angebot ist schon seit dreieinhalb Jahren online.(www.bayern-evangelisch.de)
Etwa 50 elektronische Briefe in der Woche bekommt der zuständige
Pfarrer Christoph Flad, der neben der Beantwortung der so genannten
Mails auch noch einen Online-Bibelkreis betreut.
Die Landeskirche will ihr Online-Angebot sogar noch verstärken,
berichtet Pressesprecher Andreas Rickerl. E-Mail-Seelsorge sei
eine sinnvolle Hilfe. Besonders typische Internetnutzer würden
von dem Angebot Gebrauch machen: In erster Linie seien es Männer
zwischen 20 und 40 Jahren mit überdurchschnittlicher Bildung.
Andere Online-Berater wie Dieter Sprengel berichten, dass diese
Leute mit Kirche nicht viel am Hut haben. Der Pastoralpsychologe
ist Internet-Seelsorger in der badische Landeskirche.(www.ekiba.de)
Die Menschen berichten ihm in ihren E-Mails beispielsweise über
Beziehungsprobleme. Eine religiöse Dimension bringt er aber
nicht unaufgefordert in den Briefwechsel ein.
Die E-Mail-Beratung sei eine Mischform zwischen Telefonseelsorge
und Briefseelsorge. Es ist eine Chance für Menschen,
die sich schwer tun, Kontakt aufzunehmen. Allerdings sieht
Sprengel auch die Grenzen des Mediums: Es ist nur eine eingeschränkte
Wahrnehmung des Gegenübers möglich, der Kontakt ist
deswegen nicht ganzheitlich. Viele Internetseelsorger verweisen
deshalb für weitergehende Gespräche an Beratungsstellen
vor Ort. Internet-Experte Schnell ergänzt: Die Grenzen
liegen sicher da, wo es sich um akute, schwerwiegende psychische
Störungen handelt, die eine längere Therapie erfordern.
Alle, die selbst an die Einrichtung einer eigene Internetseelsorge
denken, sollte die Ratschläge der Profis beherzigen: Wer
Internetseelsorge anbietet, sollte sicherstellen, dass innerhalb
von 24 Stunden die Mails gelesen und beantwortet werden. Versprechen
muss man halten, meint Sprengel. Doch gerade das ist bei
kleineren Anbietern, bei denen es keine gesicherten Vertretungsregeln
gibt, problematisch.
Auch eine psychologische Begleitung der Seelsorger ist sinnvoll,
wie sie z.B. bei Mitarbeitern der Telefonseelsorge selbstverständlich
ist. Bei dieser Institution werden Internetseelsorger speziell
auf den neuen Dienst vorbereitet. Ein Netz von Mitarbeitern vor
Ort sorgt für eine schnelle Beantwortung der Mails. Die Telefonseelsorge
(www.telefonseelsorge.de) haben letztes Jahr etwa 2000 Anfragen
erreicht.
Angesichts der notwendigen Professionalisierung rät Schnell:
Nichts eigenes machen, sondern die im Aufbau befindliche
ökumenische Internetseelsorge unterstützen. Das nützt
mehr als alle Alleingänge. Das Diakonische Werk der
EKD und die Deutsche Bischofkonferenz planen ein gemeinsames Angebot,
bei der bestehende kirchliche Beratungen und Einzelpersonen eingebunden
werden sollen, so Traugott Weber, Bundesgeschäftsführer
der Telefonseelsorge in Deutschland.
Infos:
Informationen für die Installation
einer Internetseelsorge bieten:
Arbeitsstelle Internet, Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik,
Pf 500 550, 60394 Frankfurt/M. 069/58098-0,
Andreas Rickerl, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Landeskirchenamt
München, Meiserstr. 11-13, 80333 München, 089/5595-552,
Internet-Redaktion, Evangelischer Rundfunkdienst Baden, Blumenstr.
3, 76133 Karlsruhe, 0721/913300
Evangelische Konferenz für Telefonseelsorge und Offene Tür,
Pf 101142, 70010 Stuttgart, 0711/2159-413 oder 407
© Anja Schreiber -
All rights reserved ![]()