Nicht nur der IQ zählt

von Anja Schreiber

Nicht nur der IQ zählt. Wer in Deutschland sein Studium durch ein Stipendium finanzieren will, von dem wird mehr erwartet als nur Traumnoten. Er sollte sich auch im sozialen, politischen, wirtschaftlichen oder kirchlichen Bereich engagieren. Damit unterscheiden sich die Stipendien wesentlich vom Bafög, das an keine besonderen Leistungen gebunden ist.
Die Vergabe der Stipendien liegt in der Hand von elf Begabtenförderungswerken. Neben parteinahen Förderwerken wie der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt es das katholische Cusanuswerk und das Evangelische Studienwerk. Die Hans-Böckler-Stiftung und die Stiftung der deutschen Wirtschaft steht jeweils den Gewerkschaften bzw. den Unternehmen nahe. Eine Ausnahme bildet die Studienstiftung des deutschen Volkes, die keiner spezifischen gesellschaftlichen Gruppe verbunden ist, aber mit 5700 geförderten Studierenden den größten Teil der Stipendiaten stellt. Um die Aufnahme als Stipendiat kann man sich bei dieser Stiftung - damit ist sie eine Ausnahme - nicht selbst bemühen. Das Recht zum Vorschlag haben u.a. für Abiturienten Oberstudiendirektoren, für Studierende Hochschullehrer. Doch Sabine Dahmen, Pressereferentin der Studienstiftung, betont, neben herausragenden Abiturnoten werde auch besonderes Engagement gewürdigt, wie z.B. die Arbeit als Schülersprecher oder die Mitarbeit in einer Partei.
Gesellschaftliches oder soziales Engagement erwarten - neben herausragenden Noten - auch die anderen Stiftungen. Doch das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ein Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung sich in jedem Fall in der SPD hervorgetan haben sollte oder ein Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung Ehrenämter in der Jungen Union innehaben muss. Mitarbeit bei amnesty international oder Greenpeace sieht man bei der Friedrich-Ebert-Stiftung genauso gern wie ehrenamtliche Tätigkeiten in der Altenpflege oder Jugendbetreuung. Kirchliches Engagement wird ebenfalls positiv bewertet. Das gilt natürlich auch für die kirchlichen Stiftungen. Eine Grundvoraussetzung ist hier aber zusätzlich die konfessionelle Zugehörigkeit zur jeweiligen Kirche, auch wenn das Evangelische Studienwerk davon auch Ausnahmen macht.
Die Stiftung der deutschen Wirtschaft legt besonders darauf Wert, dass ihre Stipendiaten "im weitesten Sinne unternehmerisch denken und handeln", so die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Uta Wagner. Die Stiftung fördert Studierende, die bereits gezeigt haben, dass sie ihr Umfeld analysieren können, um dann als zweiten Schritt Situationen zu verbessern. Dieser unternehmerische Geist könnte sich z.B. darin äußern, dass man einen Verein voranbringt oder "ganz neue Initiativen entwickelt."
Im vergangenen Jahr haben etwa 11.000 Studierende Stipendien in Höhe von insgesamt 45,2 Millionen Euro erhalten. Bei einer Gesamtzahl von 1.756.000 Studenten ergibt das einen Prozentsatz von 0,6 Prozent. Sie werden mit der sogenannten Grundförderung von monatlich bis zu 525 Euro unterstützt, die allerdings abhängig vom Einkommen der Eltern ist ... vergleichbar dem Bafög. Einkommensunabhängig ist dagegen das Büchergeld von monatlich 80 Euro. So kann es durchaus vorkommen, dass Stipendiaten einkommensstarker Eltern ausschließlich das Büchergeld erhalten
Egal, bei welcher Stiftung sich der Abiturient oder Student bewirbt, seine Eignung wird in einem umfangreichen Auswahlverfahren festgestellt. Dazu gehören häufig neben einer umfangreichen schriftlichen Bewerbung auch Gutachten über den Bewerber. Auch persönliche Gespräche mit Vertretern der Stiftungen sind fester Bestandteil bei der Auswahl. Neben dem Erfragen des gesellschaftlichen Engagements steht die Gesamtpersönlichkeit des Bewerbers im Mittelpunkt. Bei der Konrad-Adenauer-Stiftung gehört zu den Auswahlkriterien die "persönliche Integrität". Das Cusanuswerk legt Wert auf die Fähigkeit, seinen Glauben zu reflektieren. Vom Kinderglauben sollten sich die Cusanus-Stipendiaten verabschiedet haben. Keine unkritische Kirchlichkeit sei gefragt, sondern das Ringen um eine eigene Position, so Stefan Raueiser, Referent beim Cusanuswerk.
Im Allgemeinen erwarten gerade die parteinahen Stiftungen eine Identifikation der Stipendiaten mit den politischen Idealen der Stiftung. Es macht also keinen guten Eindruck, wenn jemand als Bewerber durchblicken lässt, es gehe ihm nur um das Geld oder er bewerbe sich sowohl bei der Konrad-Adenauer-Stiftung als auch der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine Ausnahme bildet in dieser Hinsicht wieder die Studienstiftung des deutschen Volkes: Eine Doppelbewerbung ist hier kein Problem.
Das Auswahlverfahren wird bei einigen Stiftungen in Form eines Assessment-Centers abgehalten, wie z.B. bei der Studienstiftung des deutschen Volkes oder der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. In der Regel gehören zu diesen Auswahlverfahren Einzelgespräche, in denen nicht nur fachliche Aspekte besprochen werden, sondern auch das gesellschaftliche oder soziale Engagement und Freizeitverhalten des Bewerbers. Neben der Präsentation eines Themas gibt es auch Gruppenarbeiten, um so herauszufinden, wie sich die Kandidaten im sozialen Kontext verhalten.
Wer es dann geschafft hat und Stipendiat einer der elf Begabtenförderungswerke geworden ist, der profitiert nicht nur finanziell. Denn den Stiftungen liegt auch die ideelle Förderung ihrer Stipendiaten am Herzen: einerseits durch die Betreuung der Stipendiaten von Seiten der Stiftung, andererseits durch ein umfangreiches Bildungsprogramm. Auch hier hat jede Stiftung ihr eigenes Profil. Während die Friedrich-Ebert-Stiftung Themen wie Rentenreform, europäische Integration, aber auch Teamarbeit, Zeitmanagement oder Rhetorik. anbietet, veranstaltet die Studienstiftung des deutschen Volkes z.B. Sommerakademien zu Forschungsthemen aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. Medizin oder Sprachwissenschaft. Die kirchlichen Stiftungen bieten im Rahmen ihrer Programme auch religiöse und theologischen Themen an.
Eine Besonderheit bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft sind die Dialogforen. In ihnen treffen sich Stipendiaten mit Unternehmensvertretern, aber auch mit Stipendiaten der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Seminaren zum Thema Sozialpartnerschaft.

Weitere Informationen zur Stipendienvergabe und zum Bewerbungsverfahren gibt es bei den einzelnen Stiftungen:
Stiftung der Deutschen Wirtschaft e.V., Studienförderwerk Klaus Murmann,
Breite Str. 29, 10178 Berlin, Tel: 030/20 33- 1503,
www.sdw.org

Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. Mirbachstr. 7, 53173 Bonn,
Tel: 0228/82096-0,
www.studienstiftung.de

Hans-Böckler-Stiftung. Bertha-von-Suttner-Platz 1, 40227 Düsseldorf,
Tel: 0211/7778-0,
www.boeckler.de

Cusanuswerk, Bischöfliche Studienförderung, Baumschulallee 5, 53115 Bonn,
Tel: 0228/983 84-0,
www.cusanuswerk.de

Evangelisches Studienwerk e.V., Haus Villigst, Iserlohner Str. 25, 58239 Schwerte,
Tel: 02304/755-0,
www.evstudienwerk.de

Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Godesberger Allee 149, 53175 Bonn,
Tel: 0228/883-0,
www.fes.de

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Begabtenförderung, Rathausallee 12, 53757 St. Augustin,
Tel: 02241/246-0,
www.kas.de

Friedrich-Naumann-Stiftung, Postfach 90 01 64, 14437 Potsdam-Babelsberg,
Tel: 0331/7019-349,
www.fnst.de

Heinrich-Böll-Stiftung e.V., Rosenthaler Platz 40-41, 10178 Berlin,
Tel: 030/285 34-0,
www.boell.de

Hanns-Seidel-Stiftung e.V., Förderungswerk, Lazarettstr. 33, 80636 München,
Tel: 089/12 58-0,
www.hss.de

Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V., Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin,
Tel: 030/29 78-4221,
www.rosaluxemburgstiftung.de


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